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Leben im Öko-Hamsterrad
Kritik der Selbstreduzierung auf's Dasein als Konsument_in

Abschnitte dieser Seite: Überschätzter Einfluss ++ Öko-Kommerz ++ Hamsterrad ++ Kritik ++ Gegenmittel ++ Beispiele ++ Links
Link auf diese Seite: konsumkritik-kritik.tk (ehemals: www.konsumkritik-kritik.de.vu)

Der Anlass für diesen Text
Was unter dem Namen „March against Monsanto“ begann, wurde – weil es absurd ist, ausgerechnet in der Agrokonzernehochburg Deutschland „nur“ gegen einen US-amerikanischen Player zu schimpfen – auf „March against Monsanto & Co.“ erweitert. Das war ein Fortschritt. Am 24. Mai 2014 hieß es dann in einigen Städten wieder anders: „Konsum-rEvolution“. War das ein weiterer Schritt, das Thema von einer Konzernkritik in eine gesellschaftliche Debatte zu wandeln?
Der Gedanke, mit den Entscheidungen am Ladenregal die Welt zu verbessern, prägte schnell in mehreren Städten die stark über Internet geführten Mobilisierungen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung der der Frage von Konsum und Produktion, mit der Frage von Macht udn Ohnmacht beim Einkauf, fand hingegen kaum statt. Daher blieb weitgehend unbemerkt, dass kaum jemand das Motto anzweifelte: Kann das überhaupt funktionieren, eine profitgeile Welt durch Geldausgaben zu retten? Oder ist es nicht eine Art Kapitulation vor der ökonomischen Macht des Kapitals, sich genau den Spielregeln des Kapitalismus freiwillig zu unterwerfen und selbst dafür zu werben, nicht mehr zu sein als die (immerhin nachdenkenden) Geldgeber_innen für die, die das Kapital besitzen?

Die Frage ist wichtig, denn es waren nicht nur die Aktivist_innen vom "March against Monsanto", die vermeintliche Verbraucher_innenmacht in den Vordergrund stellen und die Weltheilung von der Veränderung der Konsumgewohnheiten erhoffen. Wenn das tatsächlich gelingen könnte, wäre alles gut. Denn von umfangreichen Steuermitteln in Propagandafeldzüge der Regierenden bis zu Umwelt-NGOs und Grünen trommeln alle an diesen Baustellen. Wenn die Grundannahme aber falsch ist, schwimmt die gesamte Umweltbewegung auf dem Holzweg. Daher soll in den nächsten Kapiteln ein kritischer Blick auf den vermeintlich großen Einfluss des Einkaufens auf Produkte und Produktionsbedingungen geworfen werden.

Warnung! Das Lesen der folgenden Absätze kann bei Menschen, die bislang mit ihrem Geld am Ladenregal ein gutes Gefühl eingekauft haben, Zweifel bis Gewissensbisse auslösen. Das beklemmende Gefühl, mit dem eigenen Konsum eher die damit unterstützte Branche zu kommerzialisieren und in kapitalistische Form zu wandeln als die Welt zu verbessern, kann zu Desillusionierung und Frustration, damit verbunden einem Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit führen. Als Gegenmittel wird empfohlen, den Markt als Aktionsort zu verlassen und zukünftig Zeit, Kraft und - als zusätzliches, aber nicht wesentliches Mittel - auch Geld in wirkungsvollen Protest und kreative Widerständigkeit zu stecken. Das ist die eigentliche Wahl, die jede_r hat!


Vortrag "Konsumkritik-Kritik" (von Jörg Bergstedt, 11.7.2016 in Fulda - unterlegt mit passenden Bildern und Filmsequenzen)
Download als MP4 in HD-Format (720p) und Full-HD (1080p) (Tipp: Rechtsklick, dann "Speichern unter ...")

Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein. (Werbekampagne von Aldi Süd im März 2017)

Vom Irrtum der Verbraucher_innenmacht

Wer kennt sie nicht, die vermeintlichen Binsenweisheiten des Kapitalismus. Mindestens heißt es dort: Angebot und Nachfrage regeln den Markt. Ausgerechnet Industrie und Regierungspropaganda gehen oft sogar noch einen Schritt weiter: Die Verbraucher_innen hätten die Macht. Durch Nachfrage steuerten sie das wirtschaftliche Geschehen. Schon in der Grammatik steckt die erste Propagandaleistung. Denn meist sagen die Mächten den Satz in der männlichen Form, also: "Der Verbraucher hat die Macht." Das ist nicht nur sprachlich ärgerlich, sondern sogar eine Lüge. Denn die eigentliche Zielgruppe dieser – meist männlich geführten Eliten – sind eher Frauen, und zwar in ihrer traditionell-patriarchalen Rolle (mehr dazu siehe unten).
Was hier aber zunächst mehr interessieren soll, ist die die allgemeine Grundaussage, dass der Kauf über die Produktion des Gekauften entscheiden. Wenn das stimmen würde, müsste angesichts stabiler Umfragewerte die Welt anders aussehen. Denn dort bekunden die Gefragten sowohl ein hohes Umweltbewusstsein als auch eine große Bereitschaft, für verträglichere Produkte zumindest etwas mehr Geld auszugeben. Wenn ihr Konsum Einfluss hätte und sich dadurch Produktpalette und –weisen verändern würden, …

Zurück zur Münchener KonsumrEvolution-Aktion des 24. Mai 2014: Auf dem vielfach verteilten Hauptflugblatt wurde das Geldausgeben mit der Stimmabgabe bei Wahlen verglichen. Die Führungskräfte im Politbetrieb, also die, die in der Demokratie die Meinung des „demos“ verkünden und im Gewand des so geschaffenen Konstruktes „Volk“ herrschen, vermitteln ständig, dass die Menschen übers Wählen die Politik bestimmen. Warum aber ist dann die Politik so scheiße? Sie bringt den meisten Menschen vor allem Probleme und weicht in ihrer Praxis von den in Umfragen ermittelten und in Parteiprogrammen zu Werbezwecken eingefügten Wünschen der Wählenden stark ab. Das ist also genauso wie die Wahl am Ladenregal: Die Menschen kaufen, kaufen, kaufen - und sind für Umweltschutz, fairen Handel usw. Doch das Ergebnis des Kaufens ist ein Desaster - für Mensch um Umwelt.

Sind Verbraucher_innen und Wähler_innen alles Versager_innen? Sind sie einfach zu doof, ihre Macht sinnvoll einzusetzen, um die Welt zusammenzukaufen oder herbeizuwählen, die sie wollen? Oder ist die Geschichte von der Macht der Verbraucher_innen und Wähler_innen ein übles Märchen, das erzählt wird, damit die eigentlich wichtigen Fragen nicht gestellt werden? Über die (Nicht-)Wirksamkeit des Wählens ist schon viel geschrieben worden – mensch kann aus den Argumente und eigenen Beobachtungen eine eigene Meinung bilden. Für die Frage, wie wirksam Konsumentscheidungen sind, seien drei Antworten (von sicherlich mehr möglichen) formuliert.

1. Die Wirkung des Konsums auf die Produktionsverhältnisse wird stark überschätzt

Zwei Arten von Slogans prägen die Propaganda der Weltveränderung mittels Konsum. Der eine ist Selbstbeschränkung pur, der andere behauptet die große Macht des Konsums. Beide sind Illusion. Für die erste Variante sei mit einem Beispielszitat belegt: "Der Beginn von jeglichen Veränderungen ist in uns selbst.“ Der Satz findet sich auf www.lohas.de. Die Domain steht für "Lifestyle of health and sustainability" und ist durchaus die Selbstbezeichnung vieler Menschen, die ihre geldausgabegeprägte Lebensweise als Beitrag für eine bessere Welt begreifen. Im Zentrum stehen hippe Internetseiten des nachhaltigen Konsums (z.B. www.karmakonsum.de). Rund um einige Texte zum Wohlfühlen beim Geldausgeben finden sich Werbeanzeigen für Autos, Fernreisen und esoterisches Gefummel. Gesamtgesellschaftliche oder gar Machtfragen finden sich nur ganz am Rande. Neben dem privaten Konsum gilt die Aufmerksamkeit eher dem noch Privaterer. Denn „jegliche“ (!) Veränderung beginnt laut dobigem Zitat in uns selbst. Politischer Kampf, Widerstand, investigative Recherche – alles völlig überflüssig. Genauer betrachtet, ist der Satz sogar eine Absage an den vermeintlich wirksamen Konsum. Das Konkrete, Praktische wird vom Gedachten verdrängt. Es kommt auf die Einstellung an, dann wird alles gut. So bereitet die reich gewordene Schicht der Gefühl-Öko-Bürgerlichkeit dem Gefühl den Boden, dass eine Flugreise mit Spende für den Klimaschutz die Welt rettet, das bio-gehaltene Rind fröhlich singend in die Schlachterei marschiert und die zuckrige LimoNADE als Ergebnis BIOtechnologischen Forscherdrang (so kam das Gesöff zu seinem Namen) zum offiziellen Getränk für eine bessere Welt aufsteigt. Von solchem Glauben ist es nur ein kleiner Sprung zum Glauben, dass NATO-Bomben für die Menschenrechte töten - eine politische Position, die vor allem die Partei der besserverdienenden Ex-Ökos vertritt.

Soweit die Selbstbeschränkung auf das Private. Die zweite Variante mit der vermeintlichen Macht der Verbraucher_innen lautet ungefähr so: „Wer Bio kauft, hat sich entschieden für seine Gesundheit, die Umwelt, Zukunftssicherung und Qualität etwas mehr auszugeben“ (Mediadaten von Schrot&Korn 2010). Hier wird suggeriert, dass das eigene Leben und die Welt durch Kaufen besser wird. Doch die Wirklichkeit sieht ziemlich anders aus ...

Es besteht nur ein sehr enger Handlungsrahmen
Konsument_innen können nur im Rahmen ihres Einkommen und des bestehenden Angebotes agieren. Um neue Produkte in einen Laden zu bringen oder die Produktionsverhältnisse zu ändern, bedürfte es ganz anderer Mechanismen. Über das reine Auswählen im bestehenden Angebot lassen sich neue Qualitäten oder ganz neue Produkte nicht durchsetzen. Steuerung über Konsum bedeutet, den bestehenden Rahmen zu akzeptieren.

Im Original: Mehr Schein als Sein ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Ralf Hoppe: "Der Kunde als Krieger", in: Spiegel 36/2008 (S. 58)
Ein paar Bananen, dazu ein Versprechen; ihr Geld und der Markt haben sie in Verbindung gebracht mit einem Flecken Erde am anderen Ende der Welt und ein paar Leuten, die ein paar Cent mehr verdienen, allein, weil eine 37-Jährige in Nürnberg aufs Etikett schaut, bevor sie etwas kauft.
Die Bananen sind am Abend zuvor geliefert worden, zwei Kartons, aus Karlsruhe, von der Reiferei Gebrüder Bratzler GmbH, wo der sizilianische Reifemeister Guglielmo Bellardita, genannt "Franco", klein, rothaarig, drahtig, die Bananen fünf Tage lang behutsam mit Ethylen begast hat. Ethylen ist ein Pflanzenhormon, gasförmig, und die künstliche Behandlung damit bewirkt nun die Reifung, gleichzeitig, gleichmäßig. Zuvor waren sie maigrün und hart wie Kaminholz, mit einem Wort: transportfähig. Für eine lange Reise, über 5000 Seemeilen.
Die Bananen kamen an in Hamburg, am Hamburger Hafen, wo sie am Containerterminal gelöscht wurden und dann kontrolliert - die EU-Verordnung 2257/94 verlangt einen Durchmesser von mindestens 27 Millimetern, die Temperatur wurde gemessen, das Verzollungsgewicht ermittelt.
Und zuvor? Stampfte ein Schiff, die "CSAV Rio Baker", 19 Tage lang übers Meer, unter der Stückgutnummer HLCUGYE080640583 waren Natalies Bananen registriert, lagen im Kühlschlaf, bei 13,3 Grad Celsius, alle Reife- und Gärungsprozesse gestoppt. Sie blieben in der Schwebe, in 2160 Kartons, verteilt auf zwei weiße 40-Fuß-Container, an Bord der "Rio Baker", 207,4 Meter lang und 29,8 Meter breit. Und zuvor? War die "Rio Baker" an den Küsten Kolumbiens und Ecuadors entlanggedampft, legte etwa 480 Seemeilen in 24 Stunden zurück, verbrannte dabei 75 Tonnen Schweröl am Tag.


Aus "Kaufen gegen den Kapitalismus?!" der Basisgruppe Gesellschaftskritik Salzburg (geskrit)
Die zweite falsche Vorstellung über den Konsum betrifft das Warenangebot, aus dem ausgewählt werden kann. Die Leute stellen sich vor, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt. Die Wünsche und Bedürfnisse der Leute also dafür verantwortlich sind, was es im Supermarkt und sonst wo zu kaufen gibt. Woher diese Vorstellung kommt ist auch relativ klar, gibt es doch fast alles was man sich vorstellen kann zu kaufen. Sogar Produkte wie Reinigungssocken für Katzen oder Decken mit Ärmeln, die man sich vielleicht nicht gerade erwartet.
Trotzdem ist die Erklärung, dass die Bedürfnisse der Menschen der Zweck der Produktion wären, eine falsche. Warum? Wäre es wirklich so, würde vieles was man so beobachten kann keinen Sinn ergeben. Menschen sitzen vor Supermärkten und haben klarerweise ein Bedürfnis nach den Sachen drinnen, müssen aber zuerst um Geld betteln um daran zu kommen. Leute erfrieren im Winter, obwohl genug Wohnungen und Heizungsmittel da sind. Daran zeigt sich, dass zwar viele Bedürfnisse existieren, aber nur als Mittel und nicht als Zweck. Als Mittel der Kapitalistinnen nämlich, um mit den Bedürfnissen einen Profit zu erwirtschaften. Die Bedürfnisse sind nicht der Grund für die Produktion, sonst würden sie befriedigt werden.
Da der Profit eine Geldmenge ist, die größer als die vorgeschossene ist, folgt daraus auch, dass nur die kaufkräftigen, also die mit Geld ausgestatteten, Bedürfnisse interessant sind: Die Bettlerin ohne Kohle muss selber schauen wo sie ihre Nahrung herkriegt, der Supermarkt bedient sie nicht.
Auch an “erfundenen” Bedürfnissen kann einiges gezeigt werden: Vor Nespresso hatte kein Mensch das Bedürfnis, Kaffee aus kleinen Aluminiumkapseln zu trinken. Wenn man Bedürfnisse möglichst effizient befriedigen will, wäre es ein Unding neue zu schaffen. Braucht man sie aber als Mittel für Profit, kann es nicht genug davon geben. Natürlich nur solange die Bedürfnisse kaufkräftig sind und auf Produkte zielen, die man selbst herstellt. Zur Klarstellung: Uns geht es um die Motivation der Unternehmen, neue Bedürfnisse zu erschaffen, um sie als Mittel für Profit einsetzen zu können – gegen Spielen mit Smartphones und das Trinken von Kaffe aus Kapseln ist nichts einzuwenden. Auch haben wir nichts gegen technischen Fortschritt, wir lehnen nur den Zweck ab zu dem dieser stattfindet.
Es gibt aber noch mehr Phänomene, die zeigen, dass nicht für die Bedürfnisse, sondern für den Profit produziert wird: Geplante Obsoleszenz 5 oder Premium-Marken wären solche. Dinge die nach einer eingeplanten Lebenszeit ihren Geist aufgeben wären vom Bedürfnisstandpunkt komplett widersinnig: Muss man sie doch nochmal produzieren, um das gleiche Bedürfnis zu stillen. Für den Zweck des Profits geben sie allerdings einiges her, doppelt verkauft heißt auch doppelt Geld eingestrichen.
Das gleiche gilt für Premiumnahrungsmittel. Denkt man an Käse, will man zuerst mal, dass der schmeckt und nahrhaft ist. An Premium denkt man bei so etwas nicht. An Premium denkt die Kundin nur, weil ihr bewusst ist, dass es auch minderwertige Nahrung gibt. Premium ergibt nur dann Sinn, wenn man sich vor Augen führt, dass Nahrungsmittel ja auch Geld abwerfen müssen für das Unternehmen, das sie produzieren lässt. Deswegen müssen die Produktionskosten möglichst gering sein. Es werden also beispielsweise viel Dünger, Pestizide und Herbizide verwendet, welche für gleiches oder weniger Geld dem Unternehmen erlaubt mehr Nahrung zu produzieren. Dabei kommen dann mit allerlei Giften verseuchte Nahrungsmittel raus. Premiumprodukte hingegen sind solche Produkte, bei denen Unternehmen versprechen auf Praktiken zu verzichten, welche die Qualität der Nahrung verschlechtern. Dieses Versprechen lassen sie sich aber nur für teures Geld (siehe den Preis für bio, FairTrade und Premiumprodukte) abkaufen. Dass dieses Versprechen oft genug nicht eingehalten wird, sollte offensichtlich sein, wenn man sich den Grund dafür klar macht, warum es überhaupt nötig ist. Das Unternehmen will mit möglichst wenig finanziellen Aufwand einen möglichst hohen Profit einfahren.


Aus "Ideologien über Konsum und Konsument in der Marktwirtschaft". in: Gegenstandpunkt 2/2010 (S. 67ff, als PDF)
Die Leistungsbilanz der Konsumentenmacht fällt bescheiden aus. Auf der Habenseite steht vor allem eines: die Wirkung, die die Idee auf das Selbstbewusstsein ihrer Träger entfaltet. Man hat Verantwortung gezeigt und sich nichts vorzuwerfen. Dass die angepeilten objektiven Wirkungen auf den Markt ausbleiben, ist mit dem Prinzip der Produktion verbürgt, das unangetastet bleibt. Die Rechnungsweise, die jeden Aufwand als Kost bilanziert, die sich durch einen Gewinn rechtfertigen muss, bleibt auch in der Biobranche und anderen ethisch angeleiteten Unternehmungen in Kraft. Die schlechte Behandlung von Mensch und Natur stirbt daher auch in den Branchen nicht aus, die elaborierte Konsumenten zu den Edelsegmenten auch moralisch inspirierter Produktion zählen. Man hat sich daran gewöhnt, dass die großen Skandale unserer Tage auch und gerade auf das Konto derer gehen, von denen man „so etwas nicht erwartet“ hätte.

Das Angebot hat mehr steuernde Wirkung als die Nachfrage
Ständig werden neue Produkte auf den Markt geworfen. Nur in seltenen Fällen steht dahinter ein Bedürfnis bzw. eine Anforderung durch Nachfrage. Stattdessen entwickeln Firmen Produkte oder neue Designs und beginnen dann, dafür zu werben. Riesige PR-Kampagnen für die Einführung neuer Produkte sind üblich. Viele bringen Erfolg, d.h. danach entsteht die Nachfrage. Was aber heißt: Nicht die Nachfrage steuert das Angebot, sondern das Angebot und dessen Bewerbung steuern die Nachfrage. Die Konsument_innen werden zu willigen Vollstrecker_innen der verkaufswilligen Produzenten von allerlei Zeug, nach dem vorher niemand je verlangt hatte. Werbung, Imagebildung usw. sind die zentralen Faktoren im Spiel des ewigen Konsumierens.

Etliche Bereiche entziehen sich der Nachfrage durch Einzelpersonen
Rüstung, Straßenbau, Überwachungsanlagen, neue Gefängnisse und Zwangspsychiatrien, Finanzämter und Kriegsdenkmäler , Grenzbefestigungen und vieles mehr entstehen völlig jenseits der Frage von Nachfrage. Die Menschen, die von solcher Infrastruktur und ihren Folgen betroffen sind, verlangen nicht nach ihnen. Gefängnisse stehen nicht herum, weil Menschen in ihnen eingesperrt sein wollen. Panzermunition wird nicht gegossen, weil Menschen über Eisenmangel klagen. Wenn in Psychiatrien Menschen gefesselt werden, um sie voll Chemie spritzen zu können, so wäre der Begriff "Nachfrage" auch hier verschleiernd bis pervertiert. Die Dinge werden durchgesetzt, die Verbraucher_innen zum Konsum gezwungen. Einen Einfluss auf die gigantische Maschinerie der Unterdrückung und Zerstörung haben Kaufentscheidungen nicht.

Viele Effekte lassen sich gar nicht berechnen oder werden bewusst falsch dargestellt
Mit der Auswahl am Ladenregal (oder beim Stromanbieter oder oder ...) ist es wie mit dem Wählen von Parteien. Es ist nicht wirklich zu berechnen, was durch welches Verhalten bewirkt wird. Denn ökonomische und gesellschaftspsychologische Systeme sind komplex. Zudem sind andere, vielfach mächtigere Player im Spiel, die jede Auswahl zu ihrem Vorteil umzudeuten versuchen. Wer im Bioladen einkauft, fördert vielleicht die ökologische Landwirtschaft in der Umgebung. Vielleicht finanziert sie_er aber auch imperialistische Landaufkäufe ("Landgrabbing") in Afrika, Asien oder Südamerika. Das ist kaum zu steuern - und noch einfach gedacht. Tatsächlich verliert sich die einzelne Kaufentscheidung in Millionen Verästelungen und Umdeutungen, während die gesamte Welle im Kommerzialisierungsprozess aller neuen Kaufmoden in Richtungen gelenkt wird, die wieder Profitinteressen dienen. Es ist nicht möglich, sich vom Kapitalismus und seinen Wirkmechanismen freizu"kaufen".

Im Original: Engagement ohne Wirkung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Alexander Neubacher: "Deutschland - ein Ökomärchen", in: Spiegel 11/2012 (S. 61)
Ob eine Umweltschutzmaßnahme den gewünschten Erfolg hat, ist dann am Ende gar nicht so wichtig. Das Dosenpfand hat nicht nur die Dose vom Markt gefegt, sondern leider auch die ökologisch vorteilhafte Mehrwegflasche - aber egal: Das Pfand bleibt, wie es ist. ...
Joghurtbecher sind "restentleert", "tropffrei" und "löffelrein" zurückzugeben, so steht es in den Regeln des Dualen Systems. Nicht wenige stellen den Becher sogar in die Geschirrspülmaschine, bevor sie ihn in den gelben Sack stopfen.
Doch dann passiert etwas Merkwürdiges. Mein Joghurtbecher, den ich so liebevoll gespült und sortiert habe, wird gar nicht recycelt. Er wird wieder mit dem ganzen anderen Müll zusammengekippt. In einem Ofen. Und dort wird er dann verbrannt.
Ja, das ist erlaubt. Genau 36 Prozent des Plastikmülls muss das Duale System "wertstofflich verwerten", also recyceln, so steht es im Gesetz. Mit den restlichen 64 Prozent kann die Müllfirma machen, was sie will und womit sie das meiste Geld verdient. Der Dreck landet in der Verbrennungsanlage; man spricht von "thermischer Verwertung". So findet der Kreislauf ein jähes Ende.

Zusammmenfassend ist festzustellen, dass es nicht gelingt, allein oder hauptsächlich durch Kaufverhalten die komplexen Wirkungen, Reaktionen und Rückkopplungen im ökonomischen und gesellschafts-psychologischen Bereich so anzusprechen, dass gezielte und gewollte Veränderungen eintreten. Zumindest die starke, fast zwangsartige Tendenz im Kapitalismus, eine jede Nachfrage profitorientiert auszulegen und die Kommerzialisierung der betroffenen Branche voranzutreiben, ist kaum zu vermeiden. Hinzu kommt die Schwierigkeit, im Markt des Kaufens und Verkaufens Propaganda und Hintergründe überhaupt zu durchschauen. Das aber wäre Voraussetzung, überhaupt den eigenen Willen im Konsum ausdrücken zu können.

2. Wo der Konsum entscheidet, stehen die Reichen an den Steuerknüppeln

Selbst wenn etwas dran wäre an der These, dass Geld Gutes schaffen kann, bliebe eine weitere Kritik bestehen - zumindest aus emanzipatorischer Sicht. Denn dann wäre Konsum ja ein Steuerungsmittel gesellschaftlicher Fragen. Schon beim Wählen an der Wahlurne ist die behauptete Wirkungsmacht reine Propaganda. Aber dort haben die Wahlberechtigten (andere nicht) wenigstens noch die gleiche Anzahl an Stimmen (meist eine oder wenige, z.B. Erst- und Zweistimme oder mehrere vom Kumulieren). Beim Konsum aber hätten nicht alle eine Stimme, sondern unterschiedlich viele. Die Reichen bekämen mehr "Stimmzettel" als die Armen. Solange nicht alle gleichviel Geld haben, wäre das vermeintliche Steuerungsmittel ungleich verteilt. Das Gerede von der Konsument_innenmacht blendet aber auch dies Frage aus und zeigt sich so ein zweites Mal hochkompatibel mit der Idee der Kapitalismus: Herrschaft über Geld (Kapital). Sozial blinde Konsumkritik verstärkt die soziale Schieflage im Land. Wer mehr ausgibt (also die Reichen), hätte bei einer Steuerung von Produktionsverhältnissen über den Konsum mehr zu sagen. Die Konsum-schafft-heile-Welt-Propaganda will die Reichen noch mächtiger machen.

Im Original: Wer sind die Öko-Konsument_innen? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Milieu von Bioladen-EinkäuferInnen nach den Mediadaten von Schrot&Korn von 2010 (aktuelle Mediadaten):
Wer Bio kauft, hat sich entschieden für seine Gesundheit, die Umwelt, Zukunftssicherung und Qualität etwas mehr auszugeben. Bio-Käufer sind überdurchschnittlich ausgebildet, beruflich etabliert und finanziell gut situiert.

Postmaterielle – Kernmilieu für Naturkost mit hohem Potenzial
Altersspektrum von Anfang 20 bis zu der Generation der „jungen Alten“. Qualifizierte und leitende Angestellte und Beamte, überdurchschnittlich viele Freiberufler. Definieren sich weniger über ihren Besitz als ihren Intel-lekt und die eigene Kreativität. Sie engagieren sich sozial, politisch oder kulturell. Eine Chance hat alles, was sie herausfordert, das Oberflächliche lehnen sie ab, die Ansprache muss Witz haben und Informationen trans-portieren, es darf nichts untergeschoben werden.

Moderne Performer – Entwicklung zum zweiten Bio-Milieu
Altersschwerpunkt unter 30. Deutschlands jüngstes Milieu. Sie sind die junge, unkonventionelle Leistungselite und verfügen meist über ein geho-benes Haushaltsnettoeinkommen. Ehrgeizig, mobil, flexibel und erlebni-sorientiert streben sie nach Selbstverwirklichung, legen Wert auf Qualität und sind bereit, dafür Geld auszugeben. Ungewöhnliche Werbeformen werden hier stärker wahrgenommen, allerdings haben sie ein feines Gespür für Authentizität. Aufgesetzte oder unehrliche Werbeaussagen werden schnell entlarvt.

Experimentalisten – an Bio interessiert
Die jüngste Zielgruppe, wird auch als neue Bohème bezeichnet. Sie leben in vollen Zügen, sind individualistisch, kritisch, kreativ und ver-antwortungsbewusst aber auch widersprüchlich. Materieller Erfolg und Status spielen keine besondere Rolle. Aufgrund ihrer Werte haben sie eine Affinität zu Bio, ihrem Einkommen nach liegen sie eher im Mittelfeld der Bio-Käufer. Kaufentscheidend ist, ob etwas zu ihrer Persönlichkeit passt. Werbung muss originell, ästhetisch und interessant sein.

LOHAS
Die Lohas sind in den Marketingabteilungen die „üblichen Verdächtigen“, wenn es darum geht, neue Potenziale im Wachstumsmarkt Nachhaltigkeit zu erschließen. Dabei sind sie im Grunde weitgehend eine Zusammen-fassung der Bio-Käufer-Milieus. Eine Studie von Sinus-Sociovision und Karma Konsum zeigt, dass die Lohas in den Milieus der Postmateriellen, Etablierten und Modernen Performer wurzeln. Sie deuten Nachhaltigkeit aber vor dem Hintergrund des jeweiligen Milieustils anders. Die Erkennt-nis der individuellen Motive ist auch hier wichtiger Erfolgsfaktor bei der Wettbewerbsprofilierung und Ansprache.


Rechts: Aus den Mediadaten von Schrot&Korn 2010. Im Text (siehe oben) ist angegeben, aus welchen Schichten die BioladenkäuferInnen stammen - das ist hier mit der grünen Linie übertragen worden.

Wer kaum Geld hat, hat nicht nur wenig Einfluss, sondern auch kaum Optionen in diesem Spiel
Wer viel Geld hat und deshalb mehr Gelegenheit hat, durch Kaufen vermeintlich die Welt zu retten, ist ein guter Mensch. Wer nicht "bio" einkauft, kein teures Hybridauto fährt, weder bei Langstreckenflügen in den Urlaub Ablass-Euros für die Klimaschutz-NGO Atmosfair draufzahlt noch eine Photovoltaik als Statussymbols aufs Eigenheim schrauben lässt, gehört nicht zu diesen Guten. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich an bisher unbekannten, neuen Baustellen. Damit aber werden große Massen vom Kampf um die bessere Welt ausgeschlossen. Es ist das Gegenbild zur Arbeiter_innen-Marxismus (in der dogmatisch-traditionellen Form oft ohne das "_innen"), bei dem nur die Arbeiter_innen (ob Sportschaufan, Nazi oder was auch immer) als revolutionäres Subjekt in Frage kommen. Doch, zumindest weltweit betrachtet, ist die Wirkung der Reichen an den Ladenregalen schon wegen ihrer begrenzten Masse fraglich.

Aus Ralf Hoppe: "Der Kunde als Krieger", in: Spiegel 36/2008 (S. 62)
Eine neue Art des Ablasshandels sei das Ganze, die Erste Welt spendiere der Dritten Welt ein paar Prozente. Wer durch seinen Konsum wirklich die Welt verändern wolle, so der Einwand, der müsse weniger konsumieren, besser kein Auto als ein Drei-Liter-Auto. Zudem sei politischer Konsum in Wahrheit unpolitisch, weil er grundsätzlich nichts verändere. Weil sich nur die Besserverdienenden den korrekten Konsum leisten könnten, seien die ökonomischen und sozialen Effekte zu gering, um über den Markt die Gesellschaft zu verändern.

Das Propagandamärchen der besseren Welt durch stilsicheres Einkaufen macht das Geld der reich gewordenen Ex-Ökos und Bildungsbürger_innen, nicht primär deren Umweltbewusstsein, zur Zieladresse. Das hat Folgen. Die Themen regieren, die für Reiche wichtig sind: Gesundheit, Wellness, hohe Mobilität und Rendite. Klassische Natur- und Umweltschutzthemen gehen hingegen eher unter. Windenergie und Solaranlagen, Ökoreisen und Gentechnikfreiheit … alles wird zu Kommerz und reißt das mit, was mal mit politischem Anspruch gestartet ist.

Im Text "Kornkraft statt Kernkraft" blickt Autorin Helma Heldberg zurück auf die Anfangszeit der Bioläden und die Veränderungen (BioBoom Sommer 2011, S. 7): "Aus der Nische wurde eine Branche. 1994 öffnete der erste Bio-Supermarkt, Discounter beginnen, "Bio"-Eigenmarken einzuführen. Politische Motive rücken immer mehr in den Hintergrund. "Bio kaufen", das tat man in erster Linie für sich selber. Es hatte sich herumgesprochen: Bio-Tomaten schmecken bsser als unreif geerntete Tomaten aus holländischen Gewächshäusern. Die neue Kundengeneration wählte nicht zwangsläufig die Grünen, glaubte nicht unbedingt an die Wirksamkeit von Sitzblockaden. Bio-Kunden suchen den besonderen Genuss, wollen Gesundheit konsumieren, sogar als Statussymbol taugt der Bio-Einkauf mittlerweile.

Wo Reiche die Zielgruppe der Kaufkampagnen sind, geht es nicht um Umweltschutz oder fairen Handeln. Hier wird ein Produkt verkauft: Gutes Gewissen - angeboten für gutes Geld. Der Mehrpreis ist eine Art Spende, gezahlt an Firmen, die dafür eine heile Welt versprechen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis mag stimmen, aber es hat wenig mit einer besseren Welt zu tun. Bezahlt wird das gute Gefühl - eben nur das Gefühl, dass es Gutes passiert. Nirgends gibt es Prüfungen und nur sehr wenig Transparenz, ob das tatsächlich stimmt. Ein Film wie die arte-Produktion "Bio-Illusion" ist die Ausnahme. Wer Biobrot kauft, erhält ein Brot und ein gutes Gefühl. Da ist der Aufpreis gut investiert. Mensch gehört zu den Guten. Es hilft fürs Gutfühlen, alles Weitere gar nicht so genau wissen zu wollen.

Milieu von Bioladen-EinkäuferInnen nach den Mediadaten von Schrot&Korn von 2010 (aktuelle Mediadaten):
Wer Bio kauft, hat sich entschieden für seine Gesundheit, die Umwelt, Zukunftssicherung und Qualität etwas mehr auszugeben. Bio-Käufer sind überdurchschnittlich ausgebildet, beruflich etabliert und finanziell gut situiert.

Im Original: Aus der Studie "Naturbewusstsein 2011" des BMU ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden

Zusammenhang zwischen Reichtum und Öko-Orientierung: Naturwert (oben) und Aktivsein (unten)


Noch deutlicher wird das in der Tabelle zu eigenem Verhalten (gekürzt, vollständig):


Aus Umweltbundesamt, 2002: "Umweltbewusstsein in Deutschland 2002" (Studie, Berlin)
Eine Gruppe von 20% der Bevölkerung ist besonders umweltengagiert und bildet eine Art Pressure Group für den Umweltschutz. Sie sind z.B. Mitglied einer Naturschutzgruppe oder eines Umweltschutzverbandes, spenden Geld für den Umweltschutz, sind generell zahlungsbereiter als der Durchschnitt. Sie fühlen sich selbst stärker durch Umweltprobleme belastet. Ihr soziodemographisches Merkmalsprofil komm einer Beschreibung der Neuen Mitte nahe: Sie verfügen sehr häufig über einen Hochschulabschluss, sind Freiberufler, leitende Angestellte oder im öffentlichen Dienst beschäftigt. Sie wohnen seltener an Hauptstraßen, häufiger in Ein- und Zweifamilienhäusern. Sie gehören nicht den niedrigen Einkommensklassen an, sondern verfügen überdurchschnittlich häufig über ein mittleres bis hohes Einkommen (jedoch nicht über ein sehr hohes). ...
Die Umweltengagierten sind keineswegs mit den Anhängern der Grünen gleichzusetzen, denn nur etwas jede fünfte Person dieser Gruppe würde Bündnis 90/Die Grünen wählen, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre. Damit ist der Stimmenanteil der Grünen in dieser Gruppe zwar überproportional hoch, doch erreichen CDU (25,5%) und SPD (23,8%) höhere Anteile. Die FDP würde nur von 2,6% der Umweltengagierten gewählt. Im Osten sieht es anders aus, dort würden 27,3% der Umweltengagierten PDS wählen, 20% CDU, 12,7% SPD, 10,9% Bündnis 90/Die Grünen und 1,8% FDP. (S. 12)
Die Umweltengagierten sind alles andere als eine Gruppe von Benachteiligten: Sie verfügen sehr häufig über einen Hochschulabschluss, sind Freiberufler, leitende Angestellte oder im öffentlichen Dienst beschäftigt. Sie wohnen seltener an Hauptstraßen, häufiger in Ein- und Zweifamilienhäusern. Sie gehören nicht den niedrigen Einkommensklassen an, sondern verfügen überdurchschnittlich häufig über ein mittleres bis hohes Einkommen (jedoch nicht über ein sehr hohes). Man könnte fast vermuten, hier werde eine Beschreibung der so genannten Neuen Mitte vorgenommen. (S. 94)

Dem ganzen liegt ein jahrelanger Trend zugrunde. Aus Umweltschützer_innen und "Ökos", die gegen Castoren und Wachstumswahn wetterten, wurden edle Bürger_innen mit dem Design der Umweltbewussten. In manchen der sich so neu formierenden sozialen Schichten sollte dann auch der Name nicht mehr an die politische Vergangenheit erinnern. Die, die im Laufe der Zeit gutes Geld verdientne und mit dem schnöden Öko-Image nicht mehr viel anfangen konnten, ernannten sich zu "Lohas", den"Lifestyles of Health and Sustainability".

Im Original: Aus der Internetseite www.lohas.de ... ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Die Währung der Zukunft heisst: VERTRAUEN

Definition
Lifestyles of Health and Sustainability, was etwa bedeutet: "Ausrichtung der Lebensweise auf Gesundheit und Nachhaltigkeit".
Neue Werte, neues Bewusstsein, die Bedürfnisse der Menschen richten sich nach Innen, eine Umkehr der Lebensweise nach Selbstkenntnis, nach Stressfreiheit und Entschleunigung, Gesundheit, Nachhaltigkeit und Beständigkeit. Dies alles mündet in eine Nachfrage von wirtschaftlich, gesundheitlich und ökonomisch sinnvollen Produkten und Dienstleistungen.
Wir möchten dazu beitragen, eine breitere Gesellschaftsschicht anzusprechen und im deutschsprachigen Raum Angebote zu kanalisieren, die unserer Meinung nach den Kern von Veränderungen (Umdenken) ausmachen. Der Beginn von jeglichen Veränderungen ist in uns selbst. Bei uns finden Sie Angebote, Informationen und Kontakte.


Werbung für Lohasguide.de

Gut fühlen und Wirtschaft ankurbeln
Ob Bosch, Henkel, Allianz, Telekom, Bayer oder alle deutschen Automobilunternehmen, nur wer Produktleistung und Qualität bei größtmöglicher Umweltverträglichkeit langfristig sichert, setzt sich am Markt durch.

Reich, unpolitisch und trotzdem besser als die ganze Ökobewegung?
Selbsteinschätzung der LOHAS im Öko-Schickimicki-Magazin eve 2009 (S. 22ff)
Bescheidenheit ist nicht angesagt bei dieser Marketingströmung, mit der viele hoffen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. ...
Der Öko-Protest der 70er Jahre sei zwar der Treiber für den Hedonismus der LOHAS in den 90ern gewesen, aber wahre Bedeutung erlange erst die Massennachfrage nach ökologisch korrekten Produkten aktuell und in den kommenden Jahren. »Moral ist gut, aber Nachfrage real«, so Albrecht. ...
Die jüngste vom November 2008 wurde im Auftrrag de Berliner Nachhaltigksagentur Stratum und der Deutschen Bundestiftung Umwelt von der Hamburger Agentur Eequity durchgeführt und bringt Ernüchterung in die Euphorie. "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach." Da machen die LOHAS-People keine Ausnahme", sagt Eequity-Chefin Cordula Krüger. »Der gute Wille ist da. Aber Bequemlichkeit und Eigennutz fordern ihren Tribut." ...
Auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft wird aus dem Konzept »Nachhaltigkeit«, so die Autoren, ein Lebensstil, der vor allem »konservativ, naturromantisch, unpolitisch, ästhetisch, anspruchsvoll, harmoniebetont, näheorientiert und ichbezogen ist." Wer Nachhaltigkeitsmarketing betreibe, sollte nicht allzu chic und trendy rüber kommen, so der Rat der Forscher. Die Zielgruppe der 40- bis 60-jährigen LOHAS-nahen Konsumenten wolle nicht verunsichert und aufgereizt werden. Sie sei ausreichend damit beschäftigt, die Balance ihres Lebensstils zwischenGut-leben-wollen und Gesinnungsethik aufrecht zu erhalten.

Profitorientierung führt zu mehr Ausbeutung und Umweltzerstörung - auch im Ökobereich!
Mehrfach verpackter TeebeutelDer Kapitalismus erobert alles, was mensch ihm lässt. Im Ökobereich ist ihm - nach anfänglichem Zögern - nicht nur alles überlassen, sondern aktiv in ihn hineingestopft worden. Die Gedanken von Selbstorganisierung und Autonomie, die Absage an Profitorientierung und Ausbeutung, die oftmals am Anfang einer Idee einige Beteiligte erfüllen und antreiben, werden von der Wucht der kapitalistischen Übernahme lässig aufgesogen oder zerquetscht. Der Siegeszug von Profitabilität, Markt- und Marketingorientierung gelingt deshalb spielend, weil die Fragen nach den Grundlagen von Ausbeutung und Zerstörung nicht gestellt werden. Das wären solche nach Herrschaft, Eigentum und der Verwertung von allem und jedem - unangenehme, anstregende, aber nötige Fragen. Werden sie ausgeblendet, macht der Kapitalismus aus jeder guten Idee eine neue Form von Ausbeutung und Zerstörung. Energiewende und Bioland - das waren und sind gute Ideen, deren Umsetzung im Zuge einsetzender Profitgier inzwischen deutlich mehr auf Kosten von Mensch und Natur geht als es notwendig wäre. Die Skandalmeldungen über Billiglöhne in Bioläden oder Insolvenzen in der Solarindustrie sind keine Überraschung.

Aus "Bio reicht nicht mehr", in: WirtschaftsWoche, 21.2.2015
Ray Archuleta, Bodenexperte im US-Landwirtschafts-Department (USDA), ließ die Bio-Konsumenten in den Staaten kürzlich wissen, dass die meisten Böden der großen Öko-Bauern extrem zerschunden seien. Der Grund dafür: Es wird zwar weniger Chemie gespritzt, aber nicht völlig darauf verzichtet.
Abgesehen davon verfährt der Ökolandbau jedoch nach den gleichen Prinzipien wie die herkömmliche Landwirtschaft (exzessive Wassernutzung, maschinelles Pflügen, landwirtschaftliche Monokulturen, Schädlingsbekämpfung, die wichtige Mikroben ausrottet, Winterruhe, die das Ökosystem Feld abtötet).


Aus "Spitzer Bleistift in grün - Der Ökolandbau in konventionellen Zwängen", in: Bauernstimme Febr. 2017 (S. 12)
Aber längst hat auch im Ökolandbau das Diktat des spitzen Bleistifts Fruchtfolgen verschlankt, Ställe vergrößert, Stückkosten optimiert. Schon seit einigen
Jahren bestimmt Aldi die Preise für Ökokartoffeln. Seit neuestem bestimmt der konventionelle Lebensmittelhandel im Bundesverband ökologische Lebensmittelwirtschaft (BOLW) mit. Über all 200 diese Entwicklungen hat es immer mal wieder Diskussionen gegeben, Änderungen an der Konventionalisierung des Ökolandbaus und des Marktes kaum. ...
Aber was ist mit immer wieder auftauchenden Geschichten darüber, dass deutsche Biovermarkter hinter den Grenzen, in Rumänien, im Baltikum, Betriebe mit dem Versprechen unkomplizierter Zertifizierung und garantierten Absatzes auf dem deutschen Biomarkt für eine Umstellung gewinnen? Oder den vertraglichen Abnahmeangeboten von Verarbeitern an Bauern für Getreide, aber nur oberhalb einer gewissen Hektargrenze? Den Staffelfolgenpreisen innerhalb von Erzeugergemeinschaften und Verbänden, die Kostendegression durch größenbedingte Rationalisierungseffekte noch belohnen, statt sie gegenüber kleineren Mitgliedern auszugleichen?
Alle Entwicklungen passierten auch so, weil das existierende Wirtschaftssystem nicht angezweifelt werde, sagt Christian Schüler, lange Jahre Mitarbeiter am Lehrstuhl für ökologische Landwirtschaft an der Universität Kassel in Witzenhausen.


Aus "Ideologien über Konsum und Konsument in der Marktwirtschaft". in: Gegenstandpunkt 2/2010 (S. 67ff, als PDF)
Ein ordentlicher Gewinn aus der beschränkten Kaufkraft der angesprochenen Klientel lässt sich selbst im Biosegment herauswirtschaften, wenn nur die Kosten entsprechend gesenkt werden. Also kaufen Bio-Produzenten neuerdings in der Ukraine Hühnerfutter auf, das sich mit seinem sensationell günstigen Preis wohltuend in der Bilanz und mit seinem Dioxin weniger zuträglich in Bio-Eiern bemerkbar macht. So kommt es auch, dass die größten Anbieter von Biogemüsen ihre Produkte von spottbilligen Tagelöhnern in Marokko fertigen lassen und mit dem enormen Wasserverbrauch ihrer Plantagen die ortsansässige Bevölkerung um bezahlbares Trinkwasser bringen.
Wer es etwa mit dem Klima hält – ein anderes Beispiel – und die Verbesserung seiner privaten CO2-Bilanz zum Dreh- und Angelpunkt verantwortungsvoller Konsumtion erhebt, verzehrt im Norden ab sofort keinen Spargel mehr aus mediterranen Ländern, weil der wegen seines langen Transportweges zuviel Kohlendioxyd auf dem Kerbholz hat. Stattdessen empfiehlt sich der Kauf beim heimischen Spargelbauern, der das Konsumentengewissen von jeder CO2-Belastung frei hält. Jedenfalls, was den Transport des Produktes angeht. Sein Geschäftsmodell jagt stattdessen Massen von osteuropäischen Wanderarbeitern mit ihren CO2-Schleudern über die Autobahnen, damit sie für einen Hungerlohn die Ernte einbringen. Ganz abgesehen davon, ob der Skandal nun mehr in den massiven Rückständen von Verbrennungsmotoren oder in der schlechten Behandlung der Humanressource anzusiedeln wäre: Es ist offenbar gar nicht so einfach, als Konsument eine geschäftliche Rechnung zu durchkreuzen, die man nicht angreifen will.

Öko-Schickimicki und Öko-Spießertum ... die Unterhaltungsbranche für Wohlfühl-Weltverbesserung boomt
Vor dreißig Jahren waren Plastik- oder Betonblumenkübel ein Symbol für Spießigkeit und Entfremdung. Heute haben sie klangvolle Namen bekommen und erobern unter Begriffen wie Urban Gardening oder Transition Town auf der Beliebtheitsskala der Revolutionsromantik die Spitzenplätze. Sie passen zu einer Bürgerlichkeit, deren ökologischer Fußabdruck wegen des hohen Konsumspiegels katastrophal ist, die aber danach lechzt, mittels einfacher und wenig anstrengender Symboliken gefühlt zum Teil der Bewegung für eine bessere Welt zu gehören. Zusammen mit den Klicks auf die Fertig-Emails der Marken AVAAZ oder Campact (vielleicht passend und in Anlehnung an die Fast-Food-Branche wunderbar doppeldeutig als "Fast-Protest" zu betiteln) entsteht so das Zugehörigkeitsgefühl zu den besseren Menschen. Draußen wird immer mehr zubetoniert, zerstört, verhungern Hunderttausende, schießen NATO- und andere Bomber ganze Länder zusammen. "Wir Guten" hier aber haben ja Greenpeace gespendet, Grüne oder ÖDP. Vielleicht pflegen wir auch einen Plastikblumenkübel am Straßenrand. Auf jeden Fall reicht, um nicht als etwas Besseres zu fühlen als die vielen Anderen, die dann wohl die Verantwortlichen sind für die Gemetzel auf der Welt. Wenn eine Zeitschrift wie Landlust den Spiegel oder Focus in der Auflage überholt und inzwischen zig Nachahmer gefunden hat, wenn darin seitenweise teure Anzeigenschaltungen und Tipps für einen Öko- oder Bauerngärtner_innenschaft platziert werden, die aber vor allem eine Leser_innenschaft erreichgen, die gar keinen Garten hat, dann ist in diesem Land irgendetwas in den Köpfen ziemlich durcheinander geraten ...

Im Original: Kritik an Öko-Schicki-Micki und Firlefanz-Ablenkung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Blumenpflanzen als Revolutionsersatz
Aus Grosche, Mona: "Trend aus der Armut" in: Junge Welt, 12.7.2012 (S. 15)
Im Moment scheint jeder über "Urban Gardening" zu schreiben, der einen Stift in der Hand halten kann. Manch einem geht das Wort "Prinzessinnengarten" in den Zeitungen schon auf die Nerven. Offenkundig erfreut sich gerade größter Beliebtheit, was manche seit Jahrzehnten arglos auf ihren Terrassen und Höfen praktizieren, nämlich kleine, grüne Oasen im Beton zu schaffen. ... Urplötzlich betreibt "man" genau das, was "man" bislang stets als miefiges Spießertum abtat: Erde in Töpfe füllen, Unkraut jäten, gießen und düngen ...
Es bleibt fraglich, ob der Trend tatsächlich von diesem Wissen geprägt ist und all die neuen Gärtner mehr tun, als ab und an eine Gurke zu wässern. Falls hier wirklich politische Grassroots aus Kübeln und Töpfen sprießen – wunderbar. Aber wie ist es mit dem anhaltenden Trend zum Bio-Einkauf, hat der irgend jemanden politisiert? Das kapitalistische System wäre nicht so erfolgreich, wenn es sich nicht perfiderweise genau das nutzbar machte, was als Alternative zu ihm aufkeimt. ...
Soll man kein Apfelbäumchen mehr pflanzen, weil ja eh alles vom System vereinnahmt wird? Etwas mehr politisches Handeln braucht es schon.

Aus Annette Ohme-Reinicke (2012): "Das große Unbehagen", Herder in Freiburg (S. 163)
Im Jahr 2005 kam eine Zeitschrift auf den Markt, die den Titel "Landlust" trägt. Auf fast 200 bunten Seiten werden für 3,80 Euro Tipps für das Landleben gegeben. Man erfährt etwas über den Mistelzweig, über das Verhalten von Hunden im Schnee, die Einrichtung von Landhäusern oder Kakteen als Lebenskünstler. Wider Erwarten schnellten die Verkaufszahlen für diese Zeitschrift in kürzester Zeit in atemberaubende Höhen. Inzwischen ist die Auflage von "Landlust" annähernd so hoch wie die des "stern".
FN: Auflage der "Landlust" beträgt 810000, der "stern" verbucht 851000, "focus" nur 580000 und der "Spiegel" knapp eine Million.
Verleger rätseln über den Erfolg. Die Käufer der Zeitschrift leben vor allem in Großstädten, nicht auf dem Land. Hier zeigt sich offenbar eine diffuse Sehnsucht nach Natur und Ruhe, nach Innehalten und "natürlichen" Lebensformen Qualitäten, die in der Großstadt augenscheinlich zunehmend vermisst werden. Die hohen Verkaufszahlen jedenfalls geben einen Hinweis auf die subtile Unzufriedenheit mit dem Leben in den Großstädten und die Sehnsucht nach etwas Anderem.


Aus "Die Kraft der Konsumenten", in: SZ, 10.5.2014 (S. 24)
Schlagkraft entwickelt der Käuferstreik, wenn die Konsumenten ein prominentes Unternehmen herausgreifen. Entsprechend beschränken sich die Aufrufe für Byokotte meist auf große, bekannte Marken. Der Großteil des Geschehens bleibt aber im Dunkeln. Entsprechend sind Boykotte selektiv und immer auch in Stück willkürlich. So gehörte die Ölverladeplattform Brent Spar neben Shell auch dem Konkurrenten Esso, was allerdings in der damaligen Auseinandersetzung keine Rolle spielte. Der Miteigentümer Esso dürfte sogar von Verbrauchern profitiert haben, die Shell boykottierten.
Mit dem Einkaufswagen kann der Verbraucher auf dem Markt jedoch nur Druck auf Konzerne ausüben, wenn er deren Produkte kaufen kann. Das hat Konsequenzen. Wer genau hinschaut, bemerkt, dass es ziemlich viele Firmen gibt, die überhaupt keine Waren für den Endverbraucher herstellen - dort sind Boykottaufrufe sinnlos. Diese Lektion lernten als Erstes Gegner des Vietnamkriegs, als sie in den 60er Jahren gegen Dow Chemical protestierten, den Hersteller grausamer Waffen wie Napalm und Agent Orange. Machtlos sind Konsumenten auch heute bei allen Firmen, deren Kunden nur Staaten oder Unternehmen sind. Dazu zählen neben Waffenschmieden auch viele Rohstoffunternehmen oder Hersteller von Chemikalien. ... Verbraucher laufen kritischen Entwicklungen reegelmäßig hinterher. Sie boykottieren eine Firma, um dann einige Jahre später festzustellen, dass ihre neue Bezugsquelle ebenfalls fragwürdig agiert.

Umwelt retten vom Sofa aus - "schön"!
Aus einer Presseinformation des Öko-Geldanlagevermittlers UDI am 1.3.2013
"Auf unserer Homepage kann jeder Besucher am Tag des Baumes eine animierte E-Card an Freunde, Bekannte und Kollegen senden," erklärt Georg Hetz, Geschäftsführer der UDI aus Nürnberg. "Und für jeden Kartenversand pflanzen wir einen Baum! Es ist doch schön, wenn man so einfach und ganz ohne Spaten einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann."

Aus "Landlust und Sparlust", in: Süddeutsche Zeitung vom 26.6.2014
Ausgerechnet einem Landwirtschaftsverlag aus dem Münsterland ist gelungen, wovon die führenden Köpfe der Medienszene träumen. Er hat die Zeitschrift Landlust entwickelt, ein Magazin, dessen Auflage in kürzester Zeit auf mehr als eine Million gestiegen ist und den Spiegel längst überholt hat. Dabei bietet die Zeitschrift keinerlei Neuigkeiten; nur Bilder von lavendelfarbenen Feldern, Gebinden aus Trockenblumen, Weidenkörben voller Kartoffeln oder Gurken, grasenden Kühen, freilaufenden Gänsen und hier und da einer Milchkanne mit Patina. So also muss Landwirtschaft aussehen, damit Menschen ins Schwärmen geraten. Offenbar wächst gerade in Zeiten von Informationsflut und permanenter Erreichbarkeit die Sehnsucht nach einer ländlichen Idylle ...
Die Verbraucher kritisieren das allerdings auch nicht ernsthaft. zwar geben sie in Umfragen häufig an, wie wichtig ihnen das Wohl der Tiere sei. Im Supermarkt aber greifen die meisten dennoch zum billigsten stück Fleisch oder der billigsten Milch. Das mag zum Teil daran liegen, dass es ihnen sehr leicht gemacht wird auszublenden, unter welchen Bedingungen die Tiere gelebt haben. Allerdings scheinen sie daran auch kein allzu großes Interesse zu haben. Viel lieber glauben sie den Bildern auf den Verpackungen, auf denen lachende Kühe, umhertollende Schweine oder fröhliche Hühner abgebildet sind. Die Interessen decken sich also: Während die Landwirte gut damit leben, dass man ihnen nicht allzu genau in die Ställe schaut, sind die Verbraucher dankbar, wenn sie mit den Details der Herstellung verschont werden. Denn nur so können sie auch weiterhin unbeschwert Fleisch genießen - und gemütlich in der Landlust blättern. Die Frage aber, ob auch tiere das Recht auf ein gutes Leben haben, stellt in dieser Situation besser niemand.


Artikel "Vom Glauben an den ökologischen Weihnachtsmann", in: Printzip 12/2015 (S. 22)
Vom Glauben an den ökologischen Weihnachtsmann
Oder: Warum die Welt nicht durch Geld gerettet werden kann

Alle Jahre wieder … treibt das ekstatische Kaufen rund um den 24. Dezember auf seinen Jahreshöhepunkt zu. Der kollektive, von seltsamen religiösen Geschichten umwaberte Rausch erreicht dann ein beeindruckendes Ausmaß. Selbst viele auf ihren Öko-Gefühlspegel achtende Durchschnittsdeutsche vergessen im letzten Monat des Jahres alle imperialen Auswirkungen des Rohstoffverbrauchs, ebenso die Qual der Tiere vor ihrem Stadium in der Pfanne und die gigantischen Müllberge nach Auspacken und kurzer Freude.
Mit all dem zeigt Weihnachten allerdings nur besonders auffällig, dass profitgetriebene Produktion im Kapitalismus mit den Ideen einer menschen- und umweltfreundlichen Welt nicht vereinbart ist. Ökonomische Gewinnmaximierung entstand immer schon durch eine schärfere Ausbeutung von Mensch und Natur. Mehr Profit entsteht auch heute durch noch billigere, ausgequetschte Arbeitskraft und kostenlos ruinierte Natur. Jede Hoffnung, durch bewusstes Geldausgeben diesen Widerspruch zu überwinden, ist genauso absurd wie das Bemühen grüner Parteien oder NGOs, mit sog. ökologischem Wirtschaften die Welt zu retten. Die Macht der Konzerne soll bleiben, die einzelnen Menschen werden als Konsument_innen für die ökologische Wende verantwortlich erklärt – in ihrer Machtlosigkeit aber belassen. "Dass die Macht der VerbraucherInnen viel stärker und größer ist als die der Regierung und es nur darum geht, das nötige Bewusstsein in der Gesellschaft zu entwickeln, um den schon längst überfälligen Wandel hin zu wahrhaftiger Nachhaltigkeit und Transparenz voranzubringen", phantasiert etwa Raphael Fellmer schreibt in seinem Buch "Glücklich ohne Geld" – und mutiert ausgerechnet mit einem solchen Unsinn zum Medienstar der Konsumgesellschaft. Wie viele andere verschleiert er so die Ausbeutungsverhältnisse in der Welt. Dort ist der privilegierte Zugang zu Produktionsmitteln das Schwert in der Hand derer, die Gesellschaft nach ihren Interessen gestalten. Berge von Büchern, Kino- und Fernsehfilmen, Talkshows usw. thematisieren den Wunsch vieler Menschen nach Erhalt einer lebenswerten Umwelt, verschieben aber den Fokus auf den Bereich des Konsums. Es dürfte den Herrschenden eine wahre Freude sein, wenn statt ihnen die Verbraucher_innen zu Hauptverantwortlichen in Sachen Weltrettung erklärt und statt einer notwendigen Revolte für runderneuerte Reifen, kontrolliert angebautes Essen und ethische Geldanlagen gewonnen werden. Alle Vorschläge ziehen den Menschen weiteres Geld aus der Tasche – sogar mit höherer Gewinnspanne, denn ein gutes Gewissen wirkt als Schmieröl des Konsums. Dabei sind viele der in den letzten Jahren die Märkte flutenden Konsumhelfer im Detail nützlich. Wenn z.B. Jörg Zipprick in "Die Supermarktlüge" (2013, Ullstein in Berlin, 254 S., 9,99 €) die Methoden der Lebensmittelindustrie durchleuchtet oder Martina Hahn und Frank Herrmann in "Fair einkaufen – aber wie?" (5. Auflage 2015, Brandes&Apsel in Frankfurt, 388 S., 29,90 €) fleißig Informationen über Zertifikate zum fairen Handel, Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und verschiedenen Produktgruppen von Nahrungsmitteln über Kleidung, Elektronik bis zum Reisen zusammentragen, kann das beim kritischen Hinterfragen oder praktischen Handeln helfen. Doch kritische Berichte sind selten, selbst dann, wenn (wie im zweiten Buch) staatliche Institutionen samt den eher fragwürdigen Institutionen imperialer Interessendurchsetzung vorgestellt werden. Spektakulär schlecht ist das Ende in Jörg Zippricks Buch. Als einzige Idee schlägt er vor, "dass auch wir unser Einkaufsverhalten ändern". Kein Wort von Protestaktionen, von solidarischer Landwirtschaft oder zumindest dem Recht auf Einsicht in die Akten von Überwachungsbehörden. Die zwei Werke stehen stellvertretend für den Zeitgeist in Sachen ökologischen Alltagsverhaltens: Kleinklein ist hipp. Mit ordentlichen Preisaufschlägen wird das Produkt und ein gutes Gewissen verkauft – durchaus eine Win-win-Situation. Denn für ein oder zwei Euro das gute Gefühl einzukaufen, auf der Seite der Guten zu stehen, ist den Preis wert. Den Firmen hilft es sowieso. Nur der Umwelt und einer fairen Weltwirtschaft nicht. Es ist eher ein Ablasshandel. Und so plädiert dieser Text auch nicht für einen umweltbewussten Geschenkekauf oder Konsum zu Weihnachten. Lecker-veganes Kochen statt zu Fleischmaschinen degradierte Tiere aus der Massentierhaltung, reparaturfreundliche Geräte, Reparieren statt kaufen, die Wegschmeißkultur überwinden, Atom- und Kohlestrom abbestellen, Fahrrad fahren und so vieles mehr sind keine Sache für einen (Fest-)Tag, sondern für alle 365 Herausforderungen jeden Jahres.
Wer die Welt verändert will, darf nicht (nur) in den Geldbeutel greifen, sondern muss die Machtfrage stellen: Nicht nur Bio-Lebensmittel, am Ende noch aus fernen Ländern und unter Ausbeutungsbedingungen gewonnen, umweltbelastend transportiert und aufwändig verpackt, sondern konkrete Schritte weg vom Eigentum am Produktionsmittel Boden und hin zur gemeinsam geplanten Produktion für konkrete Bedürfnisse. Solidarische Landwirtschaften können ein solcher erster Schritt sein. Statt Kampagnen für Ökostrom-Firmen könnten Stromnetze und –anlagen selbst aufgebaut oder politisch erobert werden. Dass das geht, beweisen seit Jahrzehnten die Elektrizitätswerke Schönau. Warum nicht, wenn schon das Schenken sein muss, Eintrittskarten, Anteile oder Ähnliches verbreiten für solche Projekte, die die Machtverhältnisse verschieben? Dann verharrt Schenken nicht im langweiligen Durchschnittsgrau, sondern bietet Anstöße – z.B. ein Gutschein für einen passenden Kinofilm, einen Ausflug zu Orten, die sonst vergessen werden, oder zu spannenden Seminaren. Oder verschenken Sie ein Probeabo in einer solidarischen Landwirtschaft (vielleicht machen die Solawi sogar mit und stellen für solche Schnupperideen ein paar Monatskontingente bereit), den Genossenschaftsanteil im örtlichen Kulturprojekt, das Abo einer regionalen, alternativen Zeitung oder die Beteiligung an einer selbstverwalteten Solar- bzw. Windenergieanlage. Wer die Welt vor dem Moloch Kapitalismus retten will, darf dem Drachen nicht ständig neues Geld in den Rachen werfen, nur weil dieser gelernt hat, sich mit einem grünen Mäntelchen zu umgeben und jedes politische Wollen in eine neue Geldquelle umzudeuten.
Literaturtipp: Jörg Bergstedt (2014): "Konsumkritik-Kritik", SeitenHieb-Verlag


Aus Philipp Oehmke, "Großstadtneurotiker", in: Spiegel, 21/2016 (S. 51f mit Bezug auf die Situation in den USA)
Wer sich in diesen Kreisen bewegt - es sind dieselben, die sich für Vintage-Möbel, Transgender-Politik, Neofolk, Hitlerjugend-Frisuren in Kombination mit Erster-Weltkriegs-Vollbärten, Bernie Sanders, die Romane von Dave Eggers sowie die Zeitschrift "Modern Farmer" interessieren -, gewinnt den Eindruck, es gehe seit einigen Jahren um nichts anderes mehr als um entweder besonders gesundes oder besonders exklusives Essen. In beiden Fällen ist dieser "Foodamentalismus", wie diese Haltung in den USA heißt, Ausdruck des Wunsches, sich in womöglich schwieriger werdenden Zeiten etwas Gutes zu tun: nur die gesündesten Stoffe für den Körper, nur den besten Treibstoff. Nach Botox und Detox, Pilates und Öko-Spas ist das "richtige Essen" nun der letzte Schritt in der Selbstoptimierungskette. ...
Was sich bäuerlich gibt, ist in Wahrheit ein Elitenphänomen. Es ist Ausdruck einer antiindustriellen, oft auch antikapitalistischen Haltung der Bessergestellten, einer wohlhabenden, gebildeten, kulturaffinen Schicht, die wenig andere Probleme kennt. ...
Hippieorte und Ökokommunen sind nichts Neues. Neu ist bloß ihre soziale Umwertung. Sie sind jetzt schick und teuer.

Der Sache hilft es wenig oder gar nicht
Warum ist der ökologische Fußabdruck der meisten Öko-Konsument_innen so schlecht, d.h. ihr Alltag so umweltbelastend? Sind die Ex-Ökos, Gutmenschen und Lohas einfach reicher und konsumgeil, so dass ihr ständiges Kaufen die Umwelt belastet? Oder führt gutes Gewissen beim Einkaufen sogar zu mehr Konsum und damit zum Gegenteil des Suggerierten? Letztlich ist das gleichgültig. Denn dass die Öko-Konsument_innen trotz Hybridautofahrt in den Biosupermarkt einen verheerenderen ökologischen Fußabdruck haben als die ärmeren Schichten, die einfach nicht so viel kaufen können, ist Warnsignal genug. Und wird leider nur selten öffentlich diskutiert. Ein Biomarkt, der ehrlich plakatiert, dass die umweltfreundlichste Form die des Verzichts auf Konsum (zumindest in dessen kapitalistischer Form) wäre, wird wohl schnell von der Bildfläche verschwinden.

Im Original: Reich = umweltschädlich ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus klimaretter.info am 7.8.2016
Das Einkommen beeinflusst den Energie- und Ressourcenverbrauch viel stärker als das Umweltbewusstsein. Das hat eine in dieser Woche vorgestellte Studie des Umweltbundesamtes (UBA) ergeben. Über die persönliche CO2-Bilanz der Bundesbürger entscheiden demnach vor allem die Nutzung von Flugzeug und Auto sowie die Größe und der Heizbedarf der Wohnung. Auch der Fleischkonsum spielt eine Rolle.
Das Überraschende: Ob jemand sich selbst für umweltbewusst hält oder nicht, ist dabei egal, es kommt nur auf das Einkommen an. "Menschen aus einfacheren Milieus, die sich selbst am wenigsten sparsam beim Ressourcenschutz einschätzen und die ein eher geringeres Umweltbewusstsein haben, belasten die Umwelt am wenigsten", stellten die UBA-Forscher fest.
3. Das Gerede von Verbraucher_innenmacht lenkt ab

Es geht schlimmer: Diese ganzen Scharmützel des umweltrettenden Konsums schaffen nicht nur neue Umweltzerstörungen und Ausbeutungsverhältnisse. Sie lenken zudem ab. Vieles spricht dafür, dass sie das auch sollen.

Aus "Die Kraft der Konsumenten", in: SZ, 10.5.2014 (S. 24)
Nach der gescheiterten Klimakonferenz von Kopenhagen sagte die Grünen-Politikerin Renate Künast: "Jeder Einzelne macht jetzt bei sich zu Hause Kopenhagen."

So hätten sie es gern: Die Oberen versagen und machen weiter in Saus und Braus ... und die kleinen Leute sollen es retten. Danke, Frau Künast. Mensch beachte: Das ist während dieses Ausspruches eine Oppositionspolitikerin gewesen. Trotzdem versucht klingt es gerade so, als wäre sie an der Regierung und müsste ihr Versagen verschleiern. So wäscht eine Hand die andere. Herrschaft bedeutet, die Folgen einer Umweltzerstörung gezielt verteilen zu können: Den einen die Gewinne, die anderen die Schäden. Und wer es wieder gutmachen soll, kann auch über Herrschaftsverhältnisse definiert werden. Das macht Herrschaft so praktisch und führt dazu, dass unter Herrschaftsverhältnissen die Tendenz zur Umweltzerstörung prinzipiell sehr hoc ist (siehe im Büchlein "Macht und Umwelt" oder im Vortrag "Macht macht Umwelt kaputt").

Hilflos wirken angesichts globaler Zerstörungskräfte von Wirtschaft, Militär usw. die konkreten Vorschläge, wie eine bessere Welt zu erreichen ist.

Aus Christine Holch: „Ich brauche nun mal ein Auto!“, in: chrismon Juni 2014 (S. 13f)
Bilharz vom Umweltbundesamt: ... Ein Lebensstil mit unter einer Tonne ist heute in Deutschland noch nicht möglich. Aber fünf bis sechs Tonnen pro Person sind mit einem angenehmen Lebensstil vereinbar. Und so können Sie noch mehr fürs Klima tun:
• Für im Schnitt 250 Euro können Sie Ihren jährlichen Klimagas-Ausstoß bei einem seriösen Anbieter wie Atmosfair oder MyClimate kompensieren – Ihre Geldspende ermöglicht CO2-arme Technologien in Entwicklungsländern.
• Engagieren Sie sich am Arbeitsplatz fürs Energiesparen.
• Seien Sie politisch, werden Sie Mitglied in einer Lobbyorganisation für mehr Klimaschutz – nicht nur der grüne Konsument ist gefragt, sondern auch und vor allem der engagierte Bürger.
• Wenn Sie 5000 Euro auf dem Sparbuch bei einer Ökobank anlegen statt bei einer konventionellen Bank, vermeiden Sie eine Tonne CO2, weil Ihr Geld dort energieeffiziente Maßnahmen ermöglicht.

Christiane Paul, promovierte Ärztin und Autorin von „Das Leben ist eine Ökobaustelle. Mein Versuch, ökologisch bewusst zu leben“ im Verlag Ludwig, in: chrismon Juni 2014
Es würde schon reichen, wenn fünf andere mal einen Tag lang auf ihre übliche Fleischportion verzichten würden. Das wäre schon fast revolutionär. ...
Hauptsache, einfach anfangen. Bei den kleinen Sachen, die man im eigenen Leben ändern kann. Nun bin ich, was Mobilität angeht, kein gutes Vorbild, weil ich wegen meines Berufs so viel unterwegs bin, aber ich versuche, die Dinge innerhalb meines Umfeldes zu verändern. Meinen kompletten Haushalt umzuorganisieren. Umweltpapier, ökologischer Stromanbieter, ökologische Waschmittel, Stand-by-Funktion ausschalten, solche Sachen.

Trotzdem wird das Minimalistische zur Held_innentat hochstylisiert - und wird auch noch als Erfolg bezeichnet.

Im Original: Einkaufen als Heldentat ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Ralf Hoppe: "Der Kunde als Krieger", in: Spiegel 36/2008 (S. 62)
Dass alles Private politisch sei, dieser Platitüde der 68er geben die missionarischen Shopper einen neuen Sinn: Jeder Kauf einer biologisch korrekten Unterhose ist eine politische Aktion. Jedes Flugblatt, das die Arbeitsbedingungen von Baumwollpflückern in Brasilien anprangert, ist ein naiver Protest, der nur das Gewissen beruhigt.
Mit Unfrieds Buch, meint Protestveteran Daniel Cohn-Bendit, beginne "die gesellschaftliche Revolte, die wir brauchen: die Öko-Revolte". Durch Konsum die Welt zu verändern ist ein kühner Plan, ungefähr so kühn wie das Vorhaben, durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel den Kapitalismus zu beseitigen. Das war eines der großen Projekte im 20. Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert sollen die politischen Konsumenten aller Länder den Kapitalismus nicht durch Straßenkampf und Revolution humanisieren, sondern durch Kauf und globale Marktsolidarität.
Natalie Golob, die Shopping-Kriegerin aus Nürnberg, jedenfalls sieht es so. Es hat keinen Sinn, die Globalisierung zu bekämpfen, sagt sie, man muss sie allerdings beeinflussen. "Mit Bananen", sagt sie, "den Waffen der Zukunft."

Die Internetseite www.heldenmarkt.de lädt zu Öko-Kaufrausch-Festen ein. Textauszüge:
Messe für nachhaltigen Konsum
Wir laden Sie herzlich ein, auf dem Heldenmarkt nachhaltige Alternativen aus allen Lebensbereichen kennenzulernen. Entdecken Sie Produkte und Angebote aus den Bereichen: Lebensmittel, Mode, Wohnen, Mobilität, Geldanlagen und vieles mehr. Sie haben die Möglichkeit, sich zu informieren, zu probieren und zu kaufen.
Zusätzlich gibt es ein breites Rahmenprogramm mit Modenschauen, Kochshows, Podiumsdiskussionen und informativen Vorträgen. Auch für Kinder gibt es besondere Angebote. Besuchen Sie den Heldenmarkt in Berlin, Bochum, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart.
Nachhaltiger Konsum:
Das Ziel: Eine nachhaltige Lebensweise, die im Einklang mit den natürlichen Ressourcen der Erde steht. Viele erste Schritte sind ganz einfach: Den Stromanbieter wechseln und “echten” Ökostrom beziehen. Nach Möglichkeit regionale, saisonale Lebensmittel und zertifizierte Ökoprodukte kaufen. Beim Kauf von Kleidung Bio-Baumwolle der konventionellen vorziehen, fairen Handel mit dem Kauf von Fairtrade-Produkten unterstützen …

Aus Meinhard Creydt (2014), "Wie der Kapitalismus unnötig werden kann" (S. 51)
In Deutschland wächst das Bewusstseinfür die Konsumproblematik. Klaus Werner, Autor des 'Schwarzbuch Markenfirrnen', berichtet: "Vor allem bei jugendlichen war die Resonanz auf das Buch überraschend groß. Das Buch hat sie tatsächlich wütend gemacht.... Nach weit über 100 Vorträgen in Schulen kann ich sagen, dass die Mär von den unpolitischen und markentreuen Kids unwahr ist im Gegenteil, ich habe eher das Gefühl, immer mehr jugendliche haben langsam die Nase voll vom Markenterror" (zit. n. Busse 2006,269f).
Edda Müller, Vorsitzende der deutschen Verbraucherzentrale, schätzt, dass immerhin 10 20% der Bevölkerung zu wertorientierten Konsumenten gehören im Unterschied zu an sozialen und ökologischen Effekten desinteressierten Kunden (Müller 2005, 10 1). Die mögliche Zukunft für die Gegenwart ausgebend schreibt Ulrich Beck: "Der schlafende Riese Konsument erwacht und verwandelt den Kaufakt in eine Abstimmung über die weltpolitische Rolle der Konzerne, die diese mit ihren eigenen Waffen Geld und Nicht Kauf schlägt.... Selbst allmächtige Weltkonzerne können ihre Konsumenten nicht entlassen" (Beck 2002,131, 28).


Aus Raphael Fellmer, "Glücklich ohne Geld!"
Mein Ziel der Reduzierung von Verschwendung bedeutet schlussendlich auch ein Ende der Überproduktion, was wiederum die Schlagader des Kapitalismus und ein von der Politik geschützter Bereich der >>Zivilgesellschaft<< ist. (S. 204)
Schon während meiner Schulzeit lernte ich von einem Lehrer, dass die Macht der Verbraucherlnnen viel stärker und größer ist als die der Regierung und es nur darum geht, das nötige Bewusstsein in der Gesellschaft zu entwickeln, um den schon längst überfälligen Wandel hin zu wahrhaftiger Nachhaltigkeit und Transparenz voranzubringen. (S. 205)
Alternativen, wie Buch7.de (Büchershop), Memo.de (Bürobedarf), Fairnopoly.de (genossenschaftlicher Marktplatz) und viele andere On- und Offline-Läden nutzen. (S. 219)

Konsumklärende Werbung (z.T. noch rechts-andockfähig ergänzt) von Natumi (links und rechts), der GLS-Bank und der WirtschaftsWoche
Ökokapitalistische Werbung aus der WirtschaftsWoche Ökokapitalistische Werbung aus der WirtschaftsWocheÖkokapitalistische Werbung aus der WirtschaftsWoche

Noch einer drauf: Die Selbstinszenierung als nachhaltige_r Konsument_in scheint die letzten Skrupel zu beseitigen. Fritz Lietsch, Chefredaktion einer Münchener Werbezeitung für grün angehauchten Kapitalismus namens "Forum Nachhaltig Wirtschaften" schrieb in der Ausgabe 4/2009 (S. 38) ungeniert: "Nichts ist schöner als Autofahren". Ganz ähnlich wirkt die Einladung zum autofreien Sonntag im Sonntagmorgenmagazin Gießen am 28.8.2005 (S. 26). Sie besteht nur aus Anfahrtstipps fürs Auto. So wird das Autofahren in ein grünes Wohlfühlkonzept eingebettet. Konsequent wäre noch, die (teuren!) Autos, die regelmäßig die Spitzenplätzeder VCD-Umweltfreundlichkeitstabelle füllen, auf privilegierte Parkplätze vorfahren zu lassen. Kapitalistischer Blödsinn ließe sich so weiter steigern. Und würde sich wahrscheinlich sogar noch besser anfühlen ...

Letzte Worte im Film "Die Wahrheit über das Apple IPad"
Wenn ihr ein iPad benutzt, haltet bitte einen Moment inne und denkt über die Rechte der Arbeiter_innen nach. Nur ihr könnt ihre Leben verbessern.

Öko-Kapitalismus: Die Vereinigung des Unvereinbaren

So werden Umweltschutz und Kapitalismus Freunde. Was vor 30 Jahren von (fast) allen als Gegensatz begriffen wurde, versink in einem einzigen Brei öko-propagandistischer Selbstbelügung. Wachstum wird vom Schreckgespenst zum politischen Handlungsansatz - selbstverständlich begrünt bis zur ungenierten PR für ein neues Wirtschaftswunder, tituliert als "Green New Deal". Konsum, früher recht betriebsblind zum Horror aller Verzichtsethik erklärt, mutierte mit wachsendem Kontostand der Protagonist_innen zum euphorisierenden Gestaltungsmittel. Geld, einstmals Inbegriff des Bösen (was immer recht vereinfachend war) ist heute zentrales Gleitmittel hinüber in die bessere Welt. Was Gefahr war, mutiert zur Hoffnung. Aus Gegensätzen wächst Vereintes.

Im Original: Kaufen, kaufen, die Welt damit retten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden

Kopfbereich der Kaufen, kaufen, kaufen, aber öko ... - Seite www.karmakonsum.de. Christoph Harrach, laut Eigendarstellung der "Founder, Change Designer & Chief Executive Blogger" (welch ein Titel ...) wurde von pro-kapitalistischer Seite passend geehrt und beschrieben. Wieder von der eigenen Internetseite: "Die FAZ kürte ihn im gleichen Jahr zu einem der 15 Köpfe der Frankfurter Wirtschaft. 2011 betitelte das Handelsblatt sein Portrait mit "Der Mann für das gute Gewissen."

Auch Stromverschwendung und Umweltschutz gingen plötzlich zusammen (Foto aus der Sonnenenergie 7/2007, S. 27):


Radio- und Internetwerbung der triodos-Bank, veröffentlicht am 10.10.2016
An alle, die mit Öko-Strom, Bio-Eiern und Alters-WGs die Welt retten wollen.
Gebt uns euer Geld. Und wir sind dabei.
Wir haben damit schon vor 35 Jahren angefangen. Darum sind wir von der Triodos Bank echt gut in all dem Öko-Gedöns, Schul-Kram und Sozial-Dingens.
Und das Beste: Da kommt am Ende für alle was rum. Für Mensch, Umwelt und Bankkonto.
Das ist unsere Geldmacherei.
Und das ist Europas führende Nachhaltigkeitsbank - Triodos Bank.
Denn Geld kann so viel mehr.

Aus Ralf Hoppe: "Der Kunde als Krieger", in: Spiegel 36/2008 (S. 57)
Auf utopia.de, auf karmakonsum.de oder transfair.org, bei konsumguerilla.de oder ethicalconsumer.org, auf ecotopten.de oder lohas.de, in Büchern wie "Shopping hilft die Welt verbessern", "Die Einkaufsrevolution" oder "Gute Marken, böse Marken" gibt es praktischen Beistand und moralischen Überbau. In den USA werden die neuen Konsumenten "Lohas" genannt, was für "Lifestyle of Health and Sustainability" steht. ...
Dass es kein richtiges Leben geben könne im falschen, dieses dröhnende Diktum Theodor Adornos und seit 40 Jahren Lebensmotto aller systemkritischen Geister schieben die kritischen Konsumenten beiseite und zücken stattdessen ihre Kreditkarten, um sich einen Gürtel zu kaufen aus recyceltem Feuerwehrschlauch. Man benutzt die süß-warmen Kosmetika von Dr. Hauschka, jener Marke, die angeblich auch Brad Pitt und Madonna verwenden. Bio-Vibratoren gibt es ebenfalls, aus Ahornholz, 96 Euro, was will man mehr?
Starken Zulauf bekommt die Kaufgemeinde von Leuten, die seit Jahren ökologisch denken, globalisierungskritisch argumentieren und vom Klimawandel um den Schlaf gebracht werden - um nun endlich an der Ladentheke zur Tat zu schreiten. Peter Unfried, stellvertretender Chefredakteur der "taz", hat seine "lebensverändernde Bewusstseinserweiterung" in einem Buch festgehalten, das so etwas wie die Gebrauchsanweisung der Shopping-Krieger geworden ist. Ihm geht es darum, die Glaubwürdigkeitslücke zu schließen zwischen Denken und Kaufen, zwischen blitzgescheiter Weltanschauung und verlogenem Konsum. "Neue Ökos" nennt er sich und seinesgleichen, und die würden sich von alten Ökos dadurch unterscheiden, dass sie mehr Geld hätten, mehr Stil, mehr Spaß, mehr Einsicht in die Macht der Märkte. Geld regiert die Welt, das ist nicht länger ein Stoßseufzer, das ist ein Schlachtruf.
Unfried gab sich eines Tages einen Ruck und kaufte ein Drei-Liter-Auto; andere, wie Natalie Golob, entwickelten ihr konsumistisches Denken über Jahre, wurden ganz langsam immer radikaler.
Sie trägt jetzt, im Nürnberger Weltladen, ihr Einkaufskörbchen an die Kasse, zahlt 13 Euro und 8 Cent. Ding-dingeling, das Windspiel bimmelt abermals, als sie den Laden verlässt, in ihrem Rucksack Honig aus Mexiko, Schokolade aus Brasilien und Bananen aus Ecuador. Für sie heißt das, dass sie nicht einfach nur fünf Bananen kauft, sondern auch ein gutes Gefühl ...

Die Hauptwirkung bereits ist fatal. Ökokonsum kurbelt die Wirtschaft an. Neue Branchen entstehen und weiten sich aus. Der Zugriff auf auf möglichst viel und billiges Land, Rohstoffe, Transportwege und menschliche Arbeitskraft treibt auch unter Öko-Labeln das Geschehen an. Hinzu kommen die Nebenwirkungen, von denen nur eine ist, dass der Kapitalismus gnadenlos jede Branche auffrisst - spätestens dann, wenn sie einige wirtschaftliche Bedeutung erreicht hat. Lebensmittel- und andere Produktionsmethoden richten sich mehr und mehr auf reinen Profit aus. Wie überall im Kapitalismus ist aber mehr Kasse, d.h. höherer Profit,nur dann zu machen, wenn - neben höheren Preisen - Mensch und/oder Natur noch stärker ausgebeutet werden.

Gekaufte Umweltapparate
Wer sich dann empört, dass selbst Industriepropaganda aus der (Ex-)Öko-Ecke kommt, hat nicht verstanden, wie unter diesem Wirtschafts- und Machtsystem die Gesellschaft funktioniert. Gemacht wird, was Profit bringt. Das gilt für EADS, Bayer oder Lidl genauso wie für Bioland, Solarworld und Hess Natur. Es gilt aber auch für Grüne, BUND und alle, deren Stärke vor allem auf Geldeinnahme, Kapitalanhäufung und andere Formen der Macht beruht.

Öko-Propaganda aus der Industrie
Leicht fällt es der Industrie, Ökoideen als Propaganda einzubauen. Sie sind es gewöhnt, durch Werbung Nachfrage zu erzielen. Was dazu dienlich ist, wird gemacht. Der Profit ist einziger Erfolgsmaßstab. Politische Skrupel sind nur zulässig, wenn sie Gewinne steigern.

Aus: Presse-Information des Dualen Systems Deutschland, 20.6.2001
Die meisten Deutschen haben der DSD-Studie zufolge längst erkannt, dass sich Ökologie und Ökonomie nicht ausschließen. Zum einen sind deutlich mehr Deutsche (39 Prozent) davon überzeugt, dass hohe Umweltschutzauflagen langfristig der Wirtschaft nützen. ...
Im Vergleich zu anderen Aufgabengebieten der Politik wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, Bildung oder Rente liegt der Umweltschutz in Deutschland nur an sechster Stelle. In Brasilien erreicht er immerhin Platz Fünf, in den USA und Polen jeweils Platz Vier und in Japan sogar Platz Eins.

Nicht nur der Kapitalismus erhält Einzug
Genauso blauäugig wie der Glaube, im Kapitalismus könne irgendein Betrieb ohne Strafe des Untergangs darauf verzichten, das Maximale an Profit aus Mensch und Natur herauszuholen, ist die Hoffnung, dass Werbung durch und für Gutmenschen frei von anderen Unterdrückungsformen ist. Die unterbleiben nur genau so lange, wie das für den Profit uninteressant oder sogar abträglich ist. Dass platte Sexismen erst zögerlich in die Ökowerbung Eingang finden, liegt an der Zielgruppe, in der solche Blickfänge nicht als besonders zugkräftig gelten. Aber angekommen ist sie dort natürlich längst, wie das Bild zeigt.

Wer sich selbst zur Konsument_in erklärt, betritt das Hamsterrad

Wer Menschen, die Alltagsbedarf, darüber hinaus gehende Waren, Genussmittel bis Luxus kaufen (müssen), dazu ermuntert, genau in dieser Rolle die eigene Bestimmung zu sehen, macht Menschen zu Rädchen im großen Profit- und Verwertungssystem. Das tun die Apparate von Umwelt- und Verbraucher_innenschutzverbänden, Grünen usw. Da sie selbst auch Verbraucher_innen sind, rufen sie sich selbst in die Disziplin, quasi an die Front gegen Mensch und Natur. Wer sich selbst als mächtige_r Konsument_in halluziniert, betritt auf eigenen Wunsch das Hamsterrad.

Das Gerede von der Konsummacht ist die kapitalismuskompatible Simulation von Protest

Geld verdienen zu müssen, um es ausgeben zu können. Den Eliten beim Kauf das Geld hinzuwerfen. Sich vom Angebot treiben zu lassen. All das sind Formen der Ohnmacht im Kapitalismus - und keine Aktion für eine bessere Welt.

Im Original: Moralischer Schein statt konkrete Veränderung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Alexander Neubacher: "Deutschland - ein Ökomärchen", in: Spiegel 11/2012 (S. 61)
Wir kaufen im Bioladen, tanken E10 und steigen auf Ökostrom um. Unsere Häuser sind mit Solardächern gedeckt und mit Dämmplatten beklebt. Das verschafft uns ein gutes Gefühl. Die Frage ist nur: Was hat eigentlich die Umwelt davon?

Aus Ralf Hoppe: "Der Kunde als Krieger", in: Spiegel 36/2008 (S. 62)
Die Erste Welt will die Ästhetik der Dritten Welt, und Jefferson und seine Kollegen im Streetkids-Projekt von Lima müssen jetzt mühsam lernen, schief und kruckelig zu drucken.
Ethik braucht Ästhetik, finden die neuen Ökos; und darum finden deren Kritiker, dass es ihnen in Wahrheit nur um den moralischen Schein geht, um das schöne Gefühl, um die ethische Illusion.
Eine neue Art des Ablasshandels sei das Ganze, die Erste Welt spendiere der Dritten Welt ein paar Prozente. Wer durch seinen Konsum wirklich die Welt verändern wolle, so der Einwand, der müsse weniger konsumieren, besser kein Auto als ein Drei-Liter-Auto. Zudem sei politischer Konsum in Wahrheit unpolitisch, weil er grundsätzlich nichts verändere. Weil sich nur die Besserverdienenden den korrekten Konsum leisten könnten, seien die ökonomischen und sozialen Effekte zu gering, um über den Markt die Gesellschaft zu verändern.

Aus einem Interview mit Stefan Hoffmann (Direktor des Instituts für Betriebswirtschaftslehre der Uni Kiel) in: SZ, 25.3.2014 (S. 25)
Frage: Sind Konsum oder Nichtkonsum die schärfste Waffe in der Marktwirtschaft?
Antwort: Solcher Protest hat viel mit Kapitalismus zu tun, man wählt über den Geldbeutel. Der Konsum drückt unsere Identität aus, politischen Willen und Moralvorstellungen. Gleichzeitig vertraut man nicht mehr darauf, dass Parteien und Institutionen Entscheidungen so treffen, wie man möchte. Man sucht andere Kanäle.

Aus "Ideologien über Konsum und Konsument in der Marktwirtschaft". in: Gegenstandpunkt 2/2010 (S. 67ff, als PDF)
Zur Privatsphäre von Konsum und Genuss denkt sich der Konsument natürlich auch noch sein Teil. Mit all seinem Vergleichen und Wählen in der Warenwelt entscheidet er eigentlich nur eines, nämlich sich. Das aber liest er in dichterischer Freiheit so, dass er es ist, der entscheidet. Ausgerechnet die abhängige Variable der ganzen kapitalistischen Produktion bildet sich ein, der Herr des Verfahrens zu sein, dem alles Wirtschaften dient. Bei diesem schlichten, aber falschen Selbstbewusstsein gewöhnlicher „Verbraucher“ hätte es vermutlich sein Bewenden, würden nicht Öffentlichkeit und wissenschaftliche Experten mit ihren mehr oder weniger elaborierten Beiträgen das Ihre zur phantasievollen Schönfärberei beisteuern und sie gehörig fortentwickeln. Dabei ist die ideologische Absicht so hart gesotten, dass sie sich auch von der jedermann zugänglichen gegenteiligen Erfahrung nicht bremsen lässt. Seit ein oder zwei Jahrzehnten widmen sich Journalisten wie Sozialwissenschaftler öffentlich einer wachsenden Kinderarmut im Land und zählen die steigende Zahl von Hartz IV-Empfängern zusammen. Die „Tafeln“ zur Armenspeisung begrüßen sie als innovative Wege im Kampf gegen das Verfallsdatum von Nahrungsmitteln. Genügend Hungerleider gibt es ja inzwischen in jeder Großstadt, die dankbar sind für diesen Akt großherziger Entsorgung von Produkten jenseits des Ablaufdatums. Und gleichzeitig halten dieselben Leute ihre Legende von der „Wohlstandsgesellschaft“ ungerührt in Kraft, in der wir alle leben und die Otto-Normalverbraucher sogar zum „König Kunden“ befördern soll.
Eine Kritik am Konsum gibt es aber auch noch. Allerdings nicht an seiner schäbigen Verfassung, sondern an einem Zuviel davon. Unversehens finden sich Menschen, die nicht recht wissen, wie sie mit ihrem Einkommen über die Runden kommen sollen, in einer „Überflussgesellschaft“ wieder. Und je nach moralischem Sensorium werden dem Überfluss auch noch Wirkungen zugeschrieben, die das Verantwortungsbewusstsein moderner Konsumenten auf den Plan rufen sollen. Dioxin in Lebensmitteln, durch Pestizide vergiftete Landarbeiter, Kinderarbeit in der Dritten Welt, Klimabelastungen durch den globalen Warentransport: Das sind Missstände, bei denen der Konsument sich besinnen soll. Leider nicht auf Zweck und Charakter einer Produktion, die so etwas hervorbringt, sondern auf sich und seine „Konsumentenmacht“. Weil er per Einkauf „am System“ beteiligt ist, soll er seinen Konsum für die Ursache dieser Übel halten und sie wiederum per Einkauf korrigieren. Das ist praktisch wirkungslos und theoretisch ebenso verfehlt wie die zitierten Varianten von Lob und Tadel an der „Konsumgesellschaft“. Das verdient eine Begründung. ...
Mit der Kunstfigur des Königs, die in jedem Kunden steckt, setzen sie auf die Legende von der „Wohlstandsgesellschaft“ noch eins drauf. Mit dem reichhaltigen Warenangebot des Kapitals soll sich der Mensch nicht nur gut bedient sehen, die herrschaftliche Metaphorik präsentiert den Kunden sogar als den eigentlichen Herrn der Produktion. Er bestimmt ihren Inhalt und ihre Richtung, das Was, Wie und Wieviel. Mit Anleihen bei der Volkswirtschaftslehre wird der Kaufakt als Abstimmungsverfahren gedeutet, bei dem die Kunden mit Hilfe ihrer Geldscheine Signale setzen und Weichen stellen für das in Zukunft Gewünschte an Produkten und Dienstleistungen. Das geht dann doch an der Wirklichkeit vorbei. ...
Nicht der Bedarf, sondern nur der kaufkräftige Bedarf zählt. Elementare Bedürfnisse wie das nach Wohnraum bleiben auf der Strecke, wo das Geld fehlt, und abwegigste Bedürfnisse wie das nach Genitalschmuck oder einem handgefertigten Maserati kommen zum Zug, sofern sie bei Kasse sind. Der Bedarf in der rein sachlichen Bedeutung des Wortes ist also nicht Ziel, sondern Mittel, und zwar für den gewinnbringenden Absatz des Warenangebots. Deswegen kommt es ja auf die einschränkende Bedingung – zahlungsfähig! – entscheidend an.
Einmal mit Kaufkraft ausgestattet, ist der Konsument dann tatsächlich eine Figur, die sich wie der King fühlen darf, weil sie von der Welt des großen Kommerzes wichtig genommen wird. Mit aufwändiger Werbung umschmeichelt die Geschäftswelt den Kunden, aber nicht, weil sie dessen Nutzen, sondern das an ihm Ausnutzbare im Blick hat, seine Kaufkraft nämlich. ...
Und der gewaltige Aufwand, der nicht nur mittels Werbung, sondern durch die Erfindung immer neuer Produkte und moderner Designs Moden bestimmen oder Trends setzen will, belegt ein Weiteres: Die Bedürfnisse sind gar nicht die autonome Größe, die der Produktion Art und Menge gewünschter Güter vorgibt, wie das in der Metapher vom König Kunden impliziert ist. Umgekehrt: Die Bedürfnisse sind ihrem Inhalt nach weitgehend durch das Universum einer Warenwelt bestimmt, mit der Unternehmen um die Kaufkraft potenzieller Kunden kämpfen. Die moderne Lebensmittelchemie bringt es mit Geschmacksverstärkern, Ersatzstoffen oder Light-Produkten zu innovativen Lebensmitteln, die IT-Branche mit Handy oder iPod zu physikalisch-technischen Neuheiten, von denen sich Verbraucher vorher nichts haben träumen lassen. Jetzt sind sie da, neu geweckte und definierte Bedürfnisse, leider nicht, um sie zu bedienen, sondern um sie zur Kasse zu bitten. ...
Kurzum, der moderne Verbraucher sieht sich umstellt von einer Horde konkurrierender Geschäftsleute, die nicht nur über seinen Geldbeutel, sondern mit ihren diversen Produkten auch noch über seine Sicherheit und Gesundheit herfallen. Unternehmen, die um diese Art der aufklärenden Kundenbetreuung natürlich wissen, machen sie gleich zu einer neuen Verkaufsstrategie ...
Die allgemeine Überraschung, mit der die Konsumenten von besagten Skandalen Kenntnis nehmen, ist eine einzige Widerlegung der gepflegten Vorstellung, der Kunde als König habe die Richtlinienkompetenz über das Treiben in den kapitalistischen Firmen. Nichts von dem, was ihn nun empört, hat er gewusst, geschweige denn bestellt. Als Marktteilnehmer ist er ganz die abhängige Variable, nicht nur im Hinblick auf das verfügbare Einkommen, das ihm die Firmenkalkulation lässt, sondern auch in Bezug auf Qualität und Herstellungsprozess der feilgebotenen Ware. ...
Ein ordentlicher Gewinn aus der beschränkten Kaufkraft der angesprochenen Klientel lässt sich selbst im Biosegment herauswirtschaften, wenn nur die Kosten entsprechend gesenkt werden. Also kaufen Bio-Produzenten neuerdings in der Ukraine Hühnerfutter auf, das sich mit seinem sensationell günstigen Preis wohltuend in der Bilanz und mit seinem Dioxin weniger zuträglich in Bio-Eiern bemerkbar macht. So kommt es auch, dass die größten Anbieter von Biogemüsen ihre Produkte von spottbilligen Tagelöhnern in Marokko fertigen lassen und mit dem enormen Wasserverbrauch ihrer Plantagen die ortsansässige Bevölkerung um bezahlbares Trinkwasser bringen.
Wer es etwa mit dem Klima hält – ein anderes Beispiel – und die Verbesserung seiner privaten CO2-Bilanz zum Dreh- und Angelpunkt verantwortungsvoller Konsumtion erhebt, verzehrt im Norden ab sofort keinen Spargel mehr aus mediterranen Ländern, weil der wegen seines langen Transportweges zuviel Kohlendioxyd auf dem Kerbholz hat. Stattdessen empfiehlt sich der Kauf beim heimischen Spargelbauern, der das Konsumentengewissen von jeder CO2-Belastung frei hält. Jedenfalls, was den Transport des Produktes angeht. Sein Geschäftsmodell jagt stattdessen Massen von osteuropäischen Wanderarbeitern mit ihren CO2-Schleudern über die Autobahnen, damit sie für einen Hungerlohn die Ernte einbringen. Ganz abgesehen davon, ob der Skandal nun mehr in den massiven Rückständen von Verbrennungsmotoren oder in der schlechten Behandlung der Humanressource anzusiedeln wäre: Es ist offenbar gar nicht so einfach, als Konsument eine geschäftliche Rechnung zu durchkreuzen, die man nicht angreifen will. ...
Aus der Bedingung für den Unternehmenserfolg, dem Kauf der Ware, wird der Grund für die Unternehmensstrategie und ihre Beeinflussung. Eine Verwechslung, die sich rächt. Einem in Misskredit geratenen Unternehmen wird der Kaufakt ja nur dadurch verweigert, dass der Konsument ihn einem anderen Unternehmen zuspricht. Das mag eine Wirkung haben, aber keinesfalls die, welche die Konsumentenmacht von sich behauptet. Auf diese Weise kann der Umsatz des einen Betriebs leiden, der der anderen wächst aus demselben Grund. Mit diesem Wechsel der Kaufentscheidung hat sich der Konsument ja ganz innerhalb des Spielfeldes bewegt, das die vielen beklagten Auswüchse überhaupt erst hervorbringt. Dieselbe Geldrechnung, die der Grund für die hässlichen Folgen war, kann nicht zugleich das Heilmittel dagegen sein.
Dass die Freunde der Konsumentenmacht von diesem Widerspruch keine Kenntnis nehmen wollen, rührt daher, dass sie eben auch gar nicht im Geschäft, sondern im verantwortungslosen Geschäft ihren Feind wähnen. Für sie zerfällt die Welt des Kommerzes in gute und böse Unternehmen, in solche, die moralisch handeln, und andere, die es an dieser Gesinnung fehlen lassen. Gegen den Profit haben sie gar nichts einzuwenden, gegen die Profitgier aber sehr wohl. Und mit dieser Sicht der Dinge widerfährt der kapitalistischen Rechnungsweise in den Betrieben eine Ehrenrettung, die sie nicht verdient hat. Auf diese Weise wird nämlich nicht die Gewinnkalkulation, sondern eine überzogene oder verantwortungslose Stellung zu ihr für alle Übel verantwortlich gemacht. Man muss aber gar nicht als Unternehmer von bösen Absichten getragen sein, um die Hälfte der Belegschaft zu feuern oder schwarze Tagelöhner mit einem Billiglohn abzuspeisen. So etwas ist ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft, die hierzulande gilt. Mit der Kostensenkung, die solche Maßnahmen erzielen, setzt sich ein Unternehmen am Markt über die Preissenkung seiner Ware gegen Konkurrenten durch, um den Gewinn, mitunter sogar die Existenz der Firma zu sichern.
Der Wechsel, den der Konsument in Ausübung seiner Verbrauchermacht vollzieht, ist denn auch gar keiner zwischen zwei verschiedenen Unternehmensphilosophien. Er tauscht in Wahrheit nur seine eigene Enttäuschung gegen eine neue Hoffnung aus, der neue Anbieter möge sich besser benehmen als der alte. Mehr als die schlechte Erfahrung hat er ja gar nicht aufzubieten für seinen Boykott eines aufgeflogenen Missetäters. Und das ist das einzige, was das neu ins Herz geschlossene Unternehmen dem Missetäter voraus hat: Die schlechte Erfahrung will erst noch gemacht sein. Diese Moral moderner Konsumenten gegen die Auswüchse von Kommerz und Handel ist natürlich bei letzterem angekommen und prompt zu einem Geschäftsmodell für den Handel ausgebaut worden. Große Modemarken umwerben dieses spezielle Klientel damit, dass sie auf Kinderarbeit und Gifte in ihren Textilien garantiert verzichten. Fast-Food-Ketten locken mit dem Versprechen, gentechnisch veränderte Ingredienzien nicht in ihren Burgern zu verarbeiten. Was sie mit ihren Tellerwäschern machen, war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. ...
Die Leistungsbilanz der Konsumentenmacht fällt bescheiden aus. Auf der Habenseite steht vor allem eines: die Wirkung, die die Idee auf das Selbstbewusstsein ihrer Träger entfaltet. Man hat Verantwortung gezeigt und sich nichts vorzuwerfen. Dass die angepeilten objektiven Wirkungen auf den Markt ausbleiben, ist mit dem Prinzip der Produktion verbürgt, das unangetastet bleibt. Die Rechnungsweise, die jeden Aufwand als Kost bilanziert, die sich durch einen Gewinn rechtfertigen muss, bleibt auch in der Biobranche und anderen ethisch angeleiteten Unternehmungen in Kraft. Die schlechte Behandlung von Mensch und Natur stirbt daher auch in den Branchen nicht aus, die elaborierte Konsumenten zu den Edelsegmenten auch moralisch inspirierter Produktion zählen. Man hat sich daran gewöhnt, dass die großen Skandale unserer Tage auch und gerade auf das Konto derer gehen, von denen man „so etwas nicht erwartet“ hätte. ...
Das ist sie, die schlechte Meinung vom Verbraucher, bei der die gute Meinung vom Kapitalismus als Dienst am Kunden notwendig landet. So kommt „König Kunde“ am Ende in den Genuss einer Doppelrolle. Als Konsument darf er dem Kapitalismus für eine Leistung danken, die gar nicht im Programm ist: Versorgung. Und die schädlichen Wirkungen, die das kapitalistische Wachstum tatsächlich auf Natur und Gesundheit hat, weil Gewinn statt Versorgung sein Ziel ist, darf der Konsument seiner mangelnden Verantwortung und Maßlosigkeit in Versorgungsdingen zurechnen.

Ein pragnantes Beispiel für den Hype um die Weltrettung durch richtigen Konsum ist Raphael Fellmer. Er ist zur telegenen Topfigur des Umsonstlebens geworden, obwohl sein autobiografisches Buch von Peinlichkeiten nur so wimmelt und keinerlei politische Position zeigt. Aber vielleicht ist es gerade das nebulöse Irgendwie-ist-alles-gut,-wenn-ich-mich-dabei-gut-fühle das Gefragte ...

Im Original: Aus R. Fellmers Buch "Glücklich ohne Geld!" ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Begeistert von Verschwörungstheorien
Ich war mehr als jemals zuvor bereit, die längste Reise meines Lebens anzutreten - die zu mir selbst! Während der Weihnachtsferien in Berlin sah ich ein paar weitere Dokumentarfilme, die mich nachhaltig veränderten. Zunächst war da der über das Internet kostenlos Vertriebene Film Zeitgeist, eine unglaublich sehenswerte Dokumentation, die einige höchst brisante Themen anschneidet, unter anderem das Thema Geld und Schulden. Es mag unglaublich klingen, aber mir kam es vor, als ob in meinem Inneren ein Licht aufging. Kurios war, dass ich das Gefühl hatte, als trüge ich viele Themen und Fragen des Films bereits in mir, zwar noch nicht so recht ausformuliert, aber doch immer stärker greifbar. (S. 45)

Behauptung, Valentin Thurn sei der Initiator der Debatte
Einer der Initiatoren des Projekts war Valentin Thurn, der im Jahr 2011 mit dem erfolgreichen Film Taste the Waste die Debatte um das Thema Lebensmittelverschwendung in Deutschland entfacht hatte. (S. 176, Hinweis: Die Internetseite www.alltagsalternativen.tk mit Tipps zum Containern ging am 20.3.2003 online ... Thurn der erste?)

Abschied vom Gratisleben
Es war wohl dieses kleine, manchmal auch große Ego in mir, das mir sagte, Du musst zeigen, dass es auch ohne Geld geht, um authentisch zu sein. Rückblíckend weiß ich, dass ich mir meiner selbst noch nicht ganz sicher war und die Einladungen für Eisenbahnfahrten einfach noch nicht annehmen konnte, weil ich das Gefühl hatte, ich muss es anderen Menschen beweisen, dass auch Mobilität gänzlich geldfrei funktioniert. Anfänglich war es komisch, wieder in der S-Bahn zu sitzen und mich in Zügen zu bewegen, aber ich gewohnte mich sehr schnell an die Deutsche Bahn, den größten Stromverbraucher des Landes. ... Mir war es wichtig, meine Familie nicht länger allein durch die Gegend fahren zu lassen und mich in Anbetracht des gewaltigen Interesses nicht einfach zurückzuziehen, sondern einen gesunden Mittelweg zu gehen. (S. 195)

Konsumkritik und verklärte Kapitalismuskritik
Mein Ziel der Reduzierung von Verschwendung bedeutet schlussendlich auch ein Ende der Überproduktion, was wiederum die Schlagader des Kapitalismus und ein von der Politik geschützter Bereich der >>Zivilgesellschaft<< ist. (S. 204)
Schon während meiner Schulzeit lernte ich von einem Lehrer, dass die Macht der Verbraucherlnnen viel stärker und größer ist als die der Regierung und es nur darum geht, das nötige Bewusstsein in der Gesellschaft zu entwickeln, um den schon längst überfälligen Wandel hin zu wahrhaftiger Nachhaltigkeit und Transparenz voranzubringen.
(S. 205)
Alternativen, wie Buch7.de (Büchershop), Memo.de (Bürobedarf), Fairnopoly.de (genossenschaftlicher Marktpaltz) und viele andere On- und Offline.Läden nutzen. (S. 219)

Soziale Ausblendungen
Alle Erdenbewohner betrifft die Frage des Umweltschutzes gleichermaßen … (S. 207)

Auch von "links" wird der Unsinn verbreitet, Konsum und Geldausgeben könnten die Welt retten. Der Unrast-Verlag verlegte in der Reihe "linker alltag" das Buch "Überdruss im Überfluss" von Peter Marwitz. Dort finden sich bemerkenswerte Zitate.

Im Original: Aus "Überdruss im Überfluss" ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Eines der umfassendsten Projekte, der Konsumgesellschaft die kalte Schulter zu zeigen und statt dessen auf nachhaltige, sich selbst versorgende Gemeinschaften zu bauen, ist die Transition-Town-Bewegung, die auf den Iren Rob Hopkins zurückgeht. Sie fußt auf der umweltphilosophischen Überlegung, dass unser Wirtschaftssystem angesichts schwindender Rohstoffe eine Gefahr für den Menschen darstellt, und setzt diesem das System der regionalen und lokalen Selbstversorgung. die sogenannte Permakultur, entgegen. Kommunen sollen ermuntert werden, den Verbrauch fossiler Energieträger zu senken, die regionale und lokale Wirtschaft zu stärken und so ähnlich effizient und energiesparend wie ein natürliches Ökosystem funktionieren. Auch in Deutschland gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Transition Towns - siehe www.transition-initiativen.de. (S. 58f)

Zwölf Faustregeln für einen sinnvolleren Konsum
Die folgenden einfachen Faustregeln können dabei helfen, sich durchs Konsumdickicht zu schlagen - sie sollen natürlich nur erste Anregungen für das Umstellen der eigenen Kaufgewohnheiten sein.
1. Niemals beim Discounter kaufen. Nie. Nichts. Das betrifft alle Discounter, also Aldi, Lidl, Netto, Penny, Norma, KiK usw. (außer man muss jeden Euro dreimal umdrehen, dann bleibt einem ofi nichts anderes übrig.)
2. Möglichst die großen Supermarktketten meiden. Lieber zu kleinen Läden oder auf den Wochenmarkt gehen - auch dort kann man günstig einkaufen, wenn man den richtigen Moment abpasst (beim Wochenmarkt kurz vor Ende). Sich einer Einkaufsgenossenschaf oder einem Mitgliederladen anschließen - dort kann man regionale und Bio-Produkte fast zum Einkaufspreis erwerben.
3. Keine Produkte und Marken kaufen, für die im Fernsehen oder in überregionalen Medien usw. Reklame gemacht wird; denn nur die großen Unternehmen können sich solche Medienpräsenz leisten. Und als KäuferIn bezahlt man Reklameaufwand und Markenbildung mit, da das Marketingbudget mit in den Endverbraucherpreis einfließt. Außerdem sollte man Unternehmen für ihre Bemühungen, uns mit ihrer Reklame hinters Licht zu führen, nicht auch noch belohnen.
4. Wenn es Alternativen gibt, immer Produkte kaufen, die nicht von den großen, weltweit agierenden Konzernen stammen. Also im Lebensmittelsektor die ganzen Marken von Nestlé, Unilever, Kraft Foods. Danone. Coca Cola, PepsiCo etc. im Regal liegen lassen. Möglichst regional, saisonal, am besten Bio und Fairtrade. Kein Bio von Großkonzernen, wenn auch andere Bioangebote existieren. Am besten kein EU-Bio, sondern Bioland, Demeter oder Naturland, also die richtigen, "harten" Bio-Siegel. Kein Wasser in Plastikfaschen kaufen.
5. Weniger oder gar kein Fleisch essen. Generell weniger Tierprodukte konsumieren, erst recht keine aus Massentierhaltung.
6. Den Fernsehkonsum reduzieren, insbesondere kein Privatfernsehen schauen. Reklamefinanzierte Mainstreammedien kritisch betrachten (selbst Tagesschau etc. sind nicht neutral), sich lieber bzw. zusätzlich mithilfe alternativer Medien informieren. Und hin und wieder einfach mal abschalten - die »Digital Detox Weck« des Adbusters Magazins ruft einmal im Jahr zu einer Woche ohne elektronische Gadgets auf - um den Geist zu entgiften.
7. Wenn möglich, den Einfluss von Reklame auf das eigene Leben minimieren. Am besten keine werbeabhängigen Zeitschriften o.ä. lesen. Im Internetbrowser eine kostenlose Erweiterung wie AdblockPlus für den Firefox installieren. Das Netz wird nicht nur plötzlich schneller, sondern auch viel weniger grell und plärrend. www.adblockplus.org/de/ firefox
8. Achtet auch auf den permanenten, weniger sichtbaren Konsum - wechselt beispielsweise den Stromanbieter. Nicht zu einem möglichst billigen, der bei den Vergleichsportalen hoch platziert ist - in der Regel sind dies Unterabteilungen der großen Konzerne, die mit Kohle und Atomkraft ihr Geld verdienen -, sondern am besten zu einem der vier echten Ökostromanbieter (Lichtblick, Greenpeace Energy, EWS Schönau, Naturstrom). Es empfiehlt sich auch, die Bank zu wechseln, sofern man bislang bei einer der großen Privatbanken wie Deutsche Bank, Dresdner Bank, Citibank etc. ein Konto unterhält. Alternativen sind beispielsweise die GLS Bank, Umweltbank oder Ethikbank.
9. Das Autofahren reduzieren; generell die eigene Mobilität überdenken (nicht jede Flugreisen muss wirklich sein). Viele Wege lassen sich auch per Fahrrad erledigen.
10. Dinge reparieren (lassen), anstatt sie wegzuwerfen. Es ist auch vernünftig, Produkte möglichst lang zu benutzen, anstatt kurzzyklischen Trends zu folgen.
11. Wer die Fähigkeiten bzw. der Ressourcen hat, sollte versuchen, z.B. Obst und Gemüse selbst anzubauen – oder Dinge selbst herzustellen.
12. Häufiger mal einen Spaziergang machen und kreativ „auf Reklame antworten“. (S. 68ff)
Wer steuert Angebot und Produktionsverhältnisse?

Herrschaftstheoretisch ist die Debatte um Konsument_innenverantwortung und heile Welt durch Einkaufen ein Desaster.

Kritik, Zweifel, aber keine grundlegende Analyse

Die Öko-Tomaten auf Augen und Ohren sind haltbar. Kritische Blicke fehlen weitgehend. Produkte mit Weltverbesserungsflair sind inzwischen zum Alltag geworden. Hinterfragt wird wenig. Das liegt im Interesse auch der Verbraucher_innen selbst, die sich ja gerne aus eigener Kraft zu solchen erklären. Denn ihr Gegenwert für die Mehrausgabe ist das gute Gefühl. Es ist eine Seifenblase, die fasziniert, solange sie da ist. Hingucken lässt sie zerplatzen - mindestens in den meisten Fällen. Wahrscheinlich immer, denn selbst bei gutem Willen bleiben die Zwänge des Kapitalismus bestehen. So ist es selten, dass Kritik aufkommt bzw. kleine Nörgler_innen-Nischen verlässt. Aber es gibt die Ausnahmen ...

20 Jahre reden von der Verbraucher_innenmacht: Zweifel machen sich breit - und verschwinden wieder

Sie war eine der wichigsten Ökolifestyle-Propagandistinnen - und ist es heute auch. Doch eines Tages, nur für kurz, beschlichen Claudia Langer Zweifel. Die Macherin der öko-konsumistischen Seite www.utopia.de (Leitspruch: "Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt") entdeckte die Frage der Radikalität und vertraute der Ökokapitalistischen Frontzeitung "taz" ihre Bedenken am Ökokonsum-Firlefanz an: "Das Sich-gegenseitig-auf-die-Schulter-klopfen der grünen Community, weil wir Onlinepetitionen unterschreiben und im Biosupermarkt waren, das hat ja nicht funktioniert bisher." (taz, 29.9.2012)

Doch - es hilft wenig. Claudia Langer zog keine Konsequenzen aus ihrer Einsicht und machte - aus kommerziellen Gründen? - unverändert weiter mit der Werbung für die "weltverändernde Verbrauchermacht". Andere taten das auch. Öko-Konsumismus ist kaufkräftig, von Industrie und Handel umworben. Wer mag dazu schon Nein sagen?

Ein beeindruckendes Beispiel der Unfähigkeit, die Idee der Weltverbesserung durch Konsum zu überwinden, bot das Buch von Christine Ax und Friedrich Hinterberger (2013): „Wachstumswahn“ (Ludwig-Verlag in München, 367 S.) im Kapitel "Treiben wir den Konsum oder treibt er uns?" Ganz kritisch stellten die Autor_innen dort fest, dass es der Weltverbesserungs-Konsum nicht wirklich zu sinnvollen Effekten gebracht hat:

Im Original: Aus dem Buch von C. Ax und F. Hinterberger... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Buch von Christine Ax und Friedrich Hinterberger (2013): „Wachstumswahn“
Das Thema Konsum hat so viele spannende und wichtige Seiten, dass man mühelos ein ganzes Buch darüber schreiben könnte. Oft werden dabei aber zwei wichtige Aspekte außen vor gelassen: der Nutzen der Dinge und die Arbeitswelt, die hinter diesen Produkten steht. Denn letztlich entscheiden wir mit dem Inhalt unserer Einkaufstüten darüber, was morgen produziert wird. Signalisieren wir mit unserem Einkauf billig, billig, billig und oft, oft, oft, bereiten wir das Feld für viele »schmutzige Jobs« mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen; und wir fördern damit Produkte, die einen großen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Signalisieren wir: hochwertig und eher auf Langfristigkeit angelegt, können wir mit unserer Investition eine entgegengesetzte Entwicklung befördern. So weit die Theorie aber ist nachhaltiger Konsum tatsächlich die Lösung?
In den Anfangsjahren der ökologischen Bewegung wurde jeder Konsum sehr kritisch diskutiert, Verzicht war das Wort der Stunde. In den 1990er Jahren schlug die Konsumgesellschaft zurück und erfand die »Ökos«: Sie trugen angeblich dicke hässliche Wolljacken und strümpfe, unelegante Schuhe von Birkenstock und ernährten sich von Müsli. Inzwischen ist das Wort »Verzicht« selbst unter »Grünen« verpönt. Dafür ist viel von »nachhaltigem Konsum« die Rede. Die Ökos von gestern machten einen Crashkurs in Design, Marketing und gutem Leben und rüsteten nach. Aus etwas verstaubten Bioläden mit Schrumpeläpfeln wurden schicke Markthallen. Der Bedarf an »Selbstgestricktem« wird inzwischen durch Boutiquen abgedeckt, in denen man aktuelle Mode aus biologisch angebauten und fair gehandelten Fasern erwerben kann. Damit konnte die einstige Nischenbewegung eine neue Zielgruppe für sich gewinnen: die LOHAS (lifestyle of health and sustainability). Diese Zielgruppe wird heute auch von der »ganz normalen« Konsumgüterindustrie sehr ernst genommen. Sie ist besonders gebildet, kaufkräftig, man findet sie vor allem in urbanem Milieu, und sie gehört zu den Trendsettern. Am offensichtlichsten können wir diese Entwicklung beim Lebensmittelangebot beobachten.
Es ist bemerkenswert, wie schnell sich der einst kleine Bereich der etwas verstaubt anmutenden Bioläden (in denen anfangs nur die überzeugten »Ökos« einkauften) flächendeckend ausgeweitet hat. Heute gibt es nicht nur eigene Bio Supermärkte, auch die großen Sortimenter haben reagiert und ihr Warenangebot entsprechend angepasst. Die Käufer kommen inzwischen aus (fast) allen Schichten, die Nachfrage ist so groß, dass sie bei manchen Produkten kaum noch gedeckt werden kann. ...
Gut Wulksfelde und die vielen anderen Öko Supermärkte und Textilläden, die man heute in den Metropolen findet, sind das Ergebnis einer Entwicklung, die auf den ersten Blick zu begrüßen ist: regionale, saisonale, biozertifizierte oder fair gehandelte Produkte, die auf so große Nachfrage stoßen, dass sich die Geschäfte tragen. Auf den zweiten Blick aber haben diese Läden mehr mit Feinkostshops und Luxusmarkenboutiquen gemein; denn sie sind auch Ergebnis einer Ungleichverteilung von Arbeit, Bildung, Einkommen und Vermögen. Nachhaltiger Konsum ist ein Statussymbol geworden für diejenigen, die es sich leisten können.
Wer Bioqualität einkauft, lebt deswegen jedoch nicht zwangsläufig umweltfreundlicher als alle anderen. Vergleichende Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass Haushalte mit niedrigem Einkommen und Menschen, die sehr sparsam und achtsam mit ihren Dingen umgehen, oft nachhaltiger leben als konsumfreudige LOHAS. In manchen Geschäften oder auf Wochenmärkten gibt es inzwischen Bio Erdbeeren und die ganze Palette an Gemüsen rund ums Jahr und aus aller Welt. Der ökologische Rucksack ist weit größer als bei konventioneller Ware, die in der Region angebaut wurde. Zudem schmecken Obst und Gemüse einfach am besten, wenn sie frisch geerntet wurden und in ihrer jeweiligen Saison sind sie auch ausgesprochen günstig.

Den Autor_innen sind dabei die zerstörerischen Logiken des kapitalistischen Wirtschaftssystems sogar bekannt.
Dem Diktat des Wachstums folgend ist unsere Wirtschaft derzeit darauf angewiesen, jedes Jahr noch mehr Dinge herzustellen als im vergangenen. Und wir müssen sie konsumieren. ...
Es reicht, hin und wieder die Börsenberichterstattung zur Kenntnis zu nehmen, um sich ein Bild von der Gnadenlosigkeit der Märkte zu machen. Unternehmensvorstände, die das Wachsen oder Weichen nicht mitmachen, bleiben nicht lange auf ihrem Posten. Wir müssen uns also nicht wundern, wenn Produkte kurz nach Ablauf der Garantiezeit nicht mehr funktionieren, Reparaturen sehr teuer oder in Ermangelung von Ersatzteilen erst gar nicht möglich sind. ...
Politik und Forschung sind industriehörig und kaum interessiert an den Rechten der Verbraucher und einer längeren Nutzungsdauer von Produkten.

Dennoch schlussfolgern sie weder, die Machtfrage zu stellen, noch sich die Produktionsmittel (Boden, Energienetz, Wasserversorgung usw.) anzueignen. Stattdessen plädieren wie für noch bewussteren und ein bisschen weniger Konsum. Es ist wie bei einer Medizin, die nicht hilft und von der dann noch mehr genommen werden soll. Oder das Spritzmittel, welches nicht mehr wirkt und deshalb höher dosiert wird. Weltverbesserungskonsum gerät so in den Verdacht, eine oder gar "die" Droge für Gutmenschen zu sein.
Am Anfang eines jeden Produktdesigns müsste demnach die Frage stehen: Wie kann ich den vorhandenen Bedarf an einem Produkt am ökologisch effizientesten und mit einer längeren Halbwertzeit befriedigen, ohne dabei den Preis und die Arbeitsbedingungen der Produzierenden aus den Augen zu verlieren. Es ist also wichtig, nicht nur über die Produkte, die wir kaufen, nachzudenken, sondern vor allem auch über die Arbeitswelten und Kostenstrukturen hinter diesen Produkten. ...
Darum tut es gut, über das Thema Konsum nachzudenken: weil man dann schnell erkennt, wie man sich selbst vor den Auswirkungen der (nächsten) Krise schützen kann. Was wir schon haben, müssen wir nicht noch mal kaufen. Und wenn es uns gelingt, unseren Lebensstil zu vereinfachen, können wir auch mit weniger Geld gut leben. Wir haben es selbst in der Hand.

Statt Ablasshandel und Schmieren der Getriebe: Aneignung der Verhältnisse

Daher: Wir wollen keinen anderen Kuchen, wir wollen die Fabrik!

"Ich versuche, mich selbst zu ändern, das bewirkt mehr, als wenn ich die Deutsche Bank besetze." So hieß es als Zitat im Spiegel (Text "Überdruss am Überfluss", in: Spiegel am 1.4.2014, S. 38). Die Deutsche Bank wird es gern gelesen haben. Der Bundesverband Naturkost und Naturwaren wahrscheinlich auch. Im Ringen um Profit stehen sie auf der gleichen Seite (wenn auch zum Teil in Konkurrenz zueinander). Doch der Satz ist nichts als Propaganda derer, die ein Interesse daran haben, dass alles so bleibt wie es ist. Oder schlimmer wird.
Wer die Welt verändern will, muss genau das Umgekehrte tun. Das "Besetzen", am besten nicht nur im symbolischen, sondern auch im tatsächlichen Sinne des Aneignens der wesentlichen Lebensverhältnisse, ist der Schlüssel, die Verhältnisse zu verändern. Revolutionär ist nur, die zugewiesene Rolle als Konsument_in zu verweigern. Stattdessen gilt es, die Gestaltungsmacht aus dem Sphären von Parlamenten und Märkten herauszureißen und sie wieder bzw. endlich einmal zu den Menschen zu bringen. Nicht zu den Apparaten, die sich als Vertretung der Menschen inszenieren, sondern direkt in die Hand der Menschen, die sich zu diesem Zweck selbst organisieren und direkt frei vereinbaren.

Es geht um Aneignung statt Konsum:

Bei allem ist wichtig, aufzupassen. Der Kapitalismus als gefräßiges, expansives Organisierungssystem, ausgeführt von vielen, vielen willigen Vollstrecker_innen, ist durchaus erfinderisch. Es gelingt ihm in Gestalt seiner Milliarden genutzten Köpfe und Hände immer wieder, neue, auch Protestprojekte zu assimilieren. Bislang hat sich niemand dauerhaft dagegen wehren können, einfach als neue Methode zu mehr Profit umfunktioniert zu werden. Guter Wille oder aneinandergereihte antikapitalistische Parolen allein werden auch in Zukunft nicht reichen.

Aneignung ist das Mittel der Wahl, Ressourcenverteilung in der Welt zu verändern - nicht der bezahlte Konsum, der die Kapitalbesitzer_innen immer nur reicher macht. Das gilt auch für alles Wissen, welches heute genauso oft nur gegen Bares zu nutzen ist.wie die materiellen Grundlagen des Lebens. Selbst für einen wirksamen Protest selbst wird es nötig sein, sich mit Knowhow zu versorgen, um nicht länger nur die Begleitfolklore des Unabwendbaren zu sein. Dazu gehören:

Was für den Konsum gilt, geht auch größer: Das weitreichendere und viel spannendere Ziel ist eine Gesellschaft, die insgesamt jenseits von Herrschaft, Eigentum, Profit, Staat und allen Verhältnissen organisiert ist, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist! Vergessen wir das nie, lassen wir uns nicht degradieren zu denen, die Auswählen dürfen zwischen dem, was uns geboten wird! Wir sind deutlich mehr als unser Portemonnaie. Holen wir uns die Gestaltungsmacht statt uns auf dressiertes Verhalten vor den bunten Ergebnissen weltweiter Ausbeutung im Regal zu beschränken! Fordern wir alles – und entreißen wir den Parlamenten und Märkten die Kuchenstücke des Lebens!

Im Original: Konsumverweigerung als politische Strategie? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Text von Bruno Kern (vom 15.5.2013)
„Es ist nun Zeit für das amerikanische Volk, zur Normalität zurückzukehren und wieder das zu tun, was uns so sehr auszeichnet: arbeiten und einkaufen.“ (Condoleeza Rice einige Tage nach dem 11. September 2001)

These I: Angesichts der Zangengriffkrise von immer knapper werdenden natürlichen Ressourcen (nicht nur der fossilen Energieträger) und der umfassenden Biosphärenkrise stehen die Industrieländer vor der Herausforderung, ihren Verbrauch an fossilen Energien und nicht erneuerbaren Ressourcen in möglichst kurzer Zeit drastisch (d.h. um mindestens 90%) zu reduzieren. Verbrauchsreduktionen in diesem Ausmaß können durch Effizienzsteigerungen und den Einsatz erneuerbarer Energien nur in einem bescheidenen Maß kompensiert werden. Das Potenzial für Effizienzsteigerungen ist grundsätzlich beschränkt und in den Industrieländern weitgehend ausgeschöpft. Effizienzsteigerungen unterliegen grundsätzlich dem Gesetz des sinkenden Ertrags. Erneuerbare Energien stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Ihre Nutzbarmachung (Anlagen mitsamt entsprechender Infrastruktur) erfordert selbst einen erheblichen Energieeinsatz, der bislang auf fossiler Basis erfolgte. Nach Wegfall dieser Basis ist ihre „Lebensfähigkeit“ (N. Georgescu-Roegen) vielfach fraglich. Erneuerbar heißt eben nicht unerschöpflich.
Wir kommen um die Tatsache nicht umhin, dass wir in den Industrieländern unter dem Strich mit erheblich weniger Nettoenergie auskommen werden müssen. Diese Situation wird in den Industrieländern unmittelbar den Alltag der Menschen, ihre Lebensgewohnheiten und viele Selbstverständlichkeiten des bisherigen materiellen Scheinwohlstands in Frage stellen. Konsumkritik ist deshalb schlicht der nüchterne Blick auf die Realität.

These II: Die uns bevorstehenden Knappheitsbedingungen sind weltweit betrachtet schon längst Realität. Bei uns treten sie nur deshalb zeitverzögert ein, weil sich hier mehr Kaufkraft konzentriert und weil wir erhebliche Ressourcen aus anderen Weltregionen abziehen. Wer die Frage der sozialen Gerechtigkeit national verkürzt, wer sich mit Blick auf die Armut hierzulande weigert, soziale Umverteilung international zu denken, oder gar die Armut hierzulande dazu benutzt, den eigenen materiellen Standard chauvinistisch zu verteidigen, läuft deshalb Gefahr, zynisch zu werden. Insofern sind selbstverständlich sogenannte „Bedürfnisse“ bei uns auf ihre Legitimität hin zu befragen. Kriterium dafür ist - wie seit Kant für jede Ethik - die Universalisierbarkeit. Ein Konsumverhalten, das nicht universalisierbar, verallgemeinerbar, ist, ist eben auch nicht legitim. Wer sich für gerechte internationale Beziehungen einsetzt, kommt allerdings nicht um die Feststellung umhin, dass dies unmittelbar Auswirkungen auf den Lebensstandard der Bevölkerungsmehrheiten bei uns haben wird. In diesem Sinne stellten dereinst die Grünen in ihrem Außenwirtschaftsprogramm aus dem Jahr 1990 fest: „Wenn der Welthandel verringert, ökologisiert und für die Völker der ‚Dritten Welt‘ gerechter gestaltet werden soll, muss sich bei uns die private Lebensführung gravierend ändern.“ Konsumkritik ist deshalb eine logische Konsequenz des Eintretens für gerechte Verhältnisse weltweit.

These III: Die heute vermutlich gefährlichste Ideologie besteht darin, dass die Profiteure des kapitalistischen Systems den Menschen ein „Weiter so“ suggerieren. Einflussreiche Leute aus dem bürgerlichen (wie etwa Ernst Ulrich von Weizsäcker) und ebenso aus dem linken Lager stellen explizit das Dogma auf, dass „unser Wohlstand“ nicht hinterfragt werden darf. Ausgehend von dieser Prämisse streuen sie infantile Technikfantasien. Die Ideologie der Wohlstandssicherung mit anderen technischen Mitteln ist deshalb so gefährlich, weil sie auch große Teile der sozialen Bewegungen und politisch engagierter Menschen erfasst hat, weil sie uns deshalb lähmt und uns davon abhält, das wirklich Notwendige in Angriff zu nehmen. Konsumkritik ist deshalb die heute am dringendsten geforderte Form der Ideologiekritik.

These IV: Wie oben erwähnt, stehen die Industrieländer vor tiefgreifenden Veränderungen. Die Herausforderung für uns wird darin bestehen, einem chaotischen Hereinbrechen von Entwicklungen vorzubeugen und den Veränderungsprozess bewusst zu gestalten. Dabei spielt die Frage der sozialen Gerechtigkeit eine herausragende Rolle. Wir haben aber als überzeugte Demokratinnen und Demokraten den Anspruch, dass politische Maßnahmen nicht einfach autoritär verfügt werden, sondern von einer Mehrheit der Menschen aktiv mitgetragen werden. Ein wichtiger Teil unserer politischen Auseinandersetzung wird deshalb darum gehen müssen, Köpfe und Herzen der Menschen zu gewinnen, sie auf das Bevorstehende vorzubereiten, darin Perspektiven eines guten Lebens aufzuzeigen und alles zu unterstützen, wodurch die Menschen ihre Daseinsmächtigkeit zurückgewinnen. Das alles wird aber so lange nicht gelingen, so lange die Menschen weiterhin der Illusion aufsitzen, dass der jetzige materielle Scheinwohlstand mit anderen Mitteln fortgesetzt werden kann. Wenn wir die Menschen - und uns selbst - nicht auf den Abschied von dieser Konsumgesellschaft vorbereiten, steht sogar zu befürchten, dass die Reaktionen auf die unweigerlich auf uns zukommenden Veränderungen gefährliche faschistische Züge annehmen, dass die Menschen die Art von Wohlstand, die sie als ihr „gutes Recht“ empfinden, gegen andere verteidigen etc. Konsumkritik ist deshalb ein wichtiger Aspekt des Kampfes um Demokratie.

These V: Es liegt die Vermutung nahe, dass viele unserer politischen Kämpfe gerade deshalb zu schwach und zu wenig erfolgreich waren, weil wir unsere eigene Einbezogenheit als Subjekte in das, was wir bekämpften, nicht genügend bedachten und daher anfällig waren für illusionäre Versprechungen, Scheinlösungen etc. Wir haben uns z.B. mutig und fantasievoll gegen die Zumutungen der Atomlobby und ihrer willigen politischen Vollstrecker gewehrt (im Übrigen nicht völlig erfolglos), aber weitgehend, ohne die Konsequenzen unserer politischen Forderungen für uns mitzureflektieren und die Bereitschaft zu entwickeln, sie auch zu tragen. Wir haben uns stattdessen einreden lassen, dass wir auch ohne Atom- und Kohlekraftwerke dieselben Strommengen zur Verfügung haben, dass wir auf keine der Segnungen verzichten müssen, die nur um den Preis eines hohen Stromverbrauchs zu haben sind. Damit wurden unsere politischen Kämpfe halbherzig und unsere Argumente unglaubwürdig und leicht zu widerlegen. Politische Auseinandersetzungen von grundsätzlicher Art, die Durchhaltevermögen und einen erheblichen persönlichen Einsatz erfordern, lassen sich vermutlich ohne ein Mindestmaß an Authentizität nicht bestehen. Konsumkritik ist eine wesentliche Voraussetzung für die Durchschlagskraft unserer politischen Kämpfe.

These VI: Konsumkritik ist nicht einfach mit dem Appell an einzelne Individuen zur entsprechenden Verhaltensänderung gleichzusetzen. Letztere ist sehr differenziert in ihren Möglichkeiten und Grenzen zu betrachten. Zunächst gilt es natürlich, den Adressaten dabei im Auge zu haben. An Menschen, die aufgrund ihres Einkommens kaum über entsprechende Verhaltensspielräume verfügen, Verzichtsappelle zu richten, ist unsinnig bis zynisch. Grundsätzlich darf auch nicht die Erwartung geschürt werden, als wäre ein verändertes Konsumverhalten der Schlüssel zur Überwindung des Systems schlechthin. Es stellt eine tendenzielle Überforderung von Individuen dar, ihrem Verhalten die ganze Last dessen aufzubürden, was bestehende Strukturen erzeugen. Die Reichweite des verändernden Potenzials des eigenen Verhaltens ist begrenzt. Dies alles in Rechnung gestellt, sind Ansprüche an das eigene Verhalten dennoch nicht unsinnig. Es gibt dafür auch erhebliche Spielräume. Keine Struktur zwingt mich etwa dazu, in meinem Urlaub nach Mallorca zu fliegen. Eine Änderung des Konsumverhaltens formulieren wir jedoch nicht in erster Linie als Aufforderung an isolierte Einzelne, sondern als Ermutigung, Solidarstrukturen und Räume zu schaffen, in denen sich Menschen dem kapitalistischen Kreislauf von Produktion und Konsum wenigstens teilweise entziehen, „Daseinsmächtigkeit“ zurückerlangen und Lebensqualität jenseits des Konsumierens materieller Güter entdecken können. Konsumkritik ist nicht in erster Linie individueller Anspruch, sondern eine kollektive Aufgabe.

These VII: Sofern sich Konsumkritik als eine politische Strategie der Konsumverweigerung artikuliert, kann sie eine wichtige, möglicherweise entscheidende Erweiterung unseres Arsenals an Protestformen werden und politische Durchschlagskraft entwickeln. Unsere Formen des Protests und des politischen Kampfes umfassten in den letzten Jahrzehnten im Wesentlichen Folgendes: Demonstrationen, Unterschriftensammlungen, das Organisieren von Veranstaltungen wie Kongressen, Konferenzen, Hearings, Tribunalen etc., die hauptsächlich darauf abzielten, Öffentlichkeit herzustellen und aufzuklären. Darüber hinaus entwickelten sich Formen kalkulierter Regelverletzung, des zivilen Ungehorsams bis hin zu militanten Aktionsformen, die unter erheblicher persönlicher Risikobereitschaft darauf abzielten, den Preis für die Durchsetzung eines Projektes möglichst zu erhöhen. Bei nüchterner Betrachtung handelten wir uns gemessen an dem, was wir wollten bzw. was dringend erforderlich wäre, hauptsächlich Ohnmachtserfahrungen ein. Unter „Konsumverweigerung“ verstehen wir eine von wesentlichen politischen Akteuren (Verbänden, ...) getragene, langfristig angelegte Kampagne, die anhand von ausgewählten Schwerpunkten den notwendigen Ausstieg aus unserer Konsumgesellschaft verdeutlicht. Es wäre also mehr als ein Appell an Einzelne und mehr als eine Boykottbewegung, die lediglich ein bestimmtes, eingrenzbares Problem im Fokus hat. Die aktuelle Situation könnte einen guten Anknüpfungspunkt bieten: Angesichts der Forderung nach einem raschen Atomausstieg wird das Dilemma immer deutlicher, dass der Preis dafür die Inkaufnahme von mehr Treibhausgasen ist - ein Preis, den hauptsächlich andere mit ihrem Leben bezahlen. In dieser Situation könnte eine Konsumverweigerungskampagne die Forderung nach radikaler Verbrauchsreduktion wirkungsvoll unterstützen. Die mögliche Wirkung könnte unter anderem sein:
* Eine Überwindung von Ohnmachtserfahrungen vieler Menschen und die Einbindung breiter Kreise, denn: Der Verzicht in diesen Bereichen ist sofort umsetzbar und zeitigt unmittelbare Wirkung.
* Eine politische Signalwirkung: Die unhaltbaren Wohlstandsversprechen, die ausnahmslos alle derzeit im Bundestag vertretenen Parteien unverantwortlicherweise propagieren, werden damit delegitimiert, bzw. umgekehrt wird eine Politik ermutigt, die sich nicht mehr scheuen muss, den Menschen die Wahrheit zuzumuten.
* In vielen Bereichen ist Konsumverweigerung von der Natur der Sache her die adäquate Artikulation von Protest. Es nimmt sich einigermaßen lächerlich aus, gegen dioxinverseuchte Lebensmittel oder Fluglärm eine Demonstration zu veranstalten. Was wir hier wollen, wird am deutlichsten dadurch demonstriert, dass wir uns entsprechend verhalten und andere zu diesem Verhalten ermutigen.
* Vor allem aber wäre eine solche Konsumverweigerungsbewegung ein gutes Instrument der Bewusstseinsbildung und Aufklärung. Die Bevölkerung wäre dadurch gezwungen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was unweigerlich auf uns alle zukommt: dass die mit der wegbrechenden Industriegesellschaft verbundenen Konsumansprüche sich demnächst in Dunst auflösen.
Konsumkritik birgt vor allem in Gestalt einer politischen Konsumverweigerungsbewegung die Chance, die von uns als notwendig erachteten Veränderungen entscheidend mit voranzubringen.

Zu klären wären hierfür vor allem folgende Fragen: Auf welche Themen könnte sich eine solche Konsumverweigerungsbewegung konzentrieren? Welche wesentlichen Akteure könnten sie tragen? Welche Anknüpfungspunkte gibt es bereits? Zu den Themen scheint mir eine Konzentration auf die beiden „F“, den Flugverkehr und den Fleischkonsum, sehr sinnvoll, weil dies in Bezug auf den Klimawandel zwei ganz zentrale Problemfelder sind. In Bezug auf den Flugverkehr bieten sich als Anknüpfungspunkte z.B. die vielen lokalen Initiativen gegen Fluglärm und Flughafenerweiterungen an. Als tragende Kräfte einer Konsumverweigerungsbewegung wären wohl all diejenigen Initiativen, Bewegungen, Verbände etc. anzusehen, die heute immer noch - gegen den Mainstream - den Mut haben, von „Suffizienz“ zu sprechen. Dazu zählt immerhin ein so einflussreicher Umweltverband wie der BUND. Auch der wachstumskritische Diskurs innerhalb der evangelischen Kirche, die „Erd-Charta“-Initiativen etc. könnten erfolgversprechende Anknüpfungspunkte bieten.
Die Überraschung: Überlegter Konsum kann trotzdem helfen - aber vor allem aus anderen Gründen!

Konsum schafft keine bessere Welt. Im Gegenteil läuft eine Orientierung auf das Erkaufen besserer Zeiten Gefahr, selbst gute Ideen zu kommerziellen Projekten zu formen. Dieser Nachteil überwiegt in der Regel der kleinen Chance, wenigstens ein bisschen dafür zu tun, durch die Auswahl entsprechender Produkte und der dahinterstehenden Produktionsverhältnisse nicht ständig das ganz Falsche mit dem eigenen Geld zu unterstützen, sondern nur das fast ganz Falsche oder die Kommerzialisierung des Neuen.

Dennoch gibt es Gründe für bewussten Konsum. Nur liegen die ganz woanders und schaffen auch nicht direkt eine bessere Welt. Der eine ist schon genannt und auch beim Kauf am Ladenregal die einzige Methode: Einkauf kann mit einer Spende verbunden sein. Bei Öko- und Fairtrade-Produkten ist sie quasi im Preis inbegriffen. Das kann gewollt sein und wirkt ähnlich, wie das Geld direkt zu spenden. Auch bei der direkten Spende geht ein Teil in Organisierungs- und Werbehaushalte z.B. von NGOs verloren. Wer auch das nicht will, spendet lieber direkt in konkrete Initiativen ohne Apparate. Bewusst konsumieren ist also eine Form des Spendens - mit allen Möglichkeiten und Gefahren.
Wichtiger für das Ringen um eine bessere Welt ist, dass über den Ausstieg aus profitgetriebener Reproduktion mehr Unabhängigkeit im eigenen Leben erreicht werden kann. Das hilft dann bei politischer Aktion. Wer nicht ständig um Arbeitsplatz fürchten oder für das eigene Überleben viel Kraft aufwenden muss, kann leichter dem übermächtig erscheinenden System mit seinen Institutionen entgegen treten. Das dann zu tun, bringt eine bessere Welt eher näher als der Versuch, die Sache mit dem Portemonnaie zu entscheiden. In der Praxis gibt es mindestens zwei Varianten, mehr Unabhängigkeit zu erreichen.

Beide Varianten, die Aneignung des Bestehenden und das Schaffen von neuen Projekten, sind gut verbindbar. Im Aufbau des Neuen erhält zudem der bewusste Konsum sogar noch einmal eine kleine Zusatzbedeutung. Denn wenn genügend Leute nicht mehr über den Markt kaufen wollen, sondern entsprechend ihren Bedürfnissen eine konkrete Produktion aufbauen oder mittragen, gelingt die Übernahme oder der Aufbau selbstorganisierter Lebensinfrastruktur zumindest in der Anfangsphase vielleicht einfacher. Investitionen oder Umgestaltungsprozesse ließen sich abfedern, bis die Sache ganz in Selbstorganisierung übergeht. Selbstverwaltete Produktion (ohne Verkauf in den Markt!) oder solidarische Landwirtschaften verfügen dann zunächst noch über Geld, sollten aber dieses ständige Wertberechnen irgendwann überwinden. Sonst sind sie erheblich Rückfall-gefährdet.

Fazit: Bewusst konsumieren - okay! Aber Revolution geht anders ...

Wer andere gesellschaftliche Verhältnisse will, muss andere Fragen stellen als die, welches Produkt aus dem bestehenden Rahmen weniger schlecht ist als ein anderes. Es geht ebenfalls nicht darum, wer von denen, die nur nach Profit lechzen (und lechzen müssen bei Strafe des wirtschaftlichen Untergangs!), unser Geld bekommt. Das alles wäre nur eine Selbstbeschränkung - dummerweise genau die, die uns im Kapitalismus auch zugestanden wird. Wer mit Freude per Konsum in der Welt mitbestimmen will, ist gerne Rädchen im System.
Emanzipation ist mit einer solchen Position unvereinbar. Rädchen im System zu sein, im Hamsterrad das anzutreiben, was sich der eigenen Gestaltungskraft entzieht, hat mit Selbstbestimmung nichts zu tun. Aber auch für Umweltschutz, menschenwürdige Arbeitsbedingungen oder faire Handelsbeziehungen ist dieser Weg weitgehend untauglich. Denn der Zwang zum Profit bringt alle dazu, beständig das Meiste aus Mensch und Natur herauszupressen. Andere Verhältnisse gibt es nur über eine Gegenkultur der Aneignung. Erkämpft werden kann sie über kreative Widerständigkeit - und die ist und bleibt Handarbeit nicht an den Regalen, sondern überall im öffentlichen Raum. Es geht darum, der kapitalistischen Verwertungs- und Profitlogik Quadratmeter für Quadratmeter zu entreißen. Bestehendes zu transformieren oder Neues zu schaffen, können dabei gleichermaßen wirksam sein. Die Nutznießer_innen des bestehenden Desasters für Miniänderungen auch noch zu bezahlen, ist absurd. Wenn die Fabriken, Werkstätten, Lernorte, Bauernhöfe usw. irgendwann allen oder, besser, niemandem mehr gehören, wäre das ein guter Teil der anderen Welt, die möglich ist. Das lässt sich schon heute anfangen und so dem kapitalistischen System ein Stück seiner Basis entziehen. Um Erlaubnis zu fragen, dürfte sich erübrigen. Beifall derer, die von den heutigen Verhältnissen profitieren, wird es nicht geben. Sie werden, zumindest wirtschaftlich, verlieren. Damit alle gewinnen.

Jörg Bergstedt hielt am 24.5.2014 auf dem "March against Monsanto/KonsumrEvolution" in München eine Rede mit der Kritik an der Konsumkritik. Den Abschluss bildeten die Worte: "Staat, Markt und Konzerne sind nicht unseren Freunde. Das Ringen um Macht und Profit ist mit Befreiung, mit einer menschen- und umweltgerechten Gesellschaft nicht vereinbar.
Keine Gentechnik! Keine Agrochemikalien! Menschen statt Profite! Keine Apparate der Macht, Kontrolle und Befreiung! Für eine Welt, in der viele Welten Platz haben! Wo die Menschen bestimmen - nicht Konzerne, Institutionen oder Nationen! Monsanto, BASF, Bayer und die vielen anderen - verpisst Euch!
"

Irrtümer der Konsumkritik und Gegenmittel an Beispielen

Gentechnik

Gentechnikfrei ist ein Label mit Werbewirkung. Die Biobranche ist der kommerzielle Gewinner der Gentechnikdebatte - also absurderweise der bisherige Profiteur des Anbaus und der daraus resultierenden Angst vor der Gentechnik. Das ist nicht die Schuld der Biobranche, aber es zeigt, was Markt und Profit an seltsamen Wirkungen erzeugen. Und mehr:

Leseempfehlung: Gentechnik und Macht
Ein kleines Büchlein mit Texten und Zitaten zum Zusammenhang von Herrschaft und gentechnischer Manipulation an Nutztieren und -pflanzen. Im Mittelpunkt steht die Kritik an Saatgutkontrolle, Patenten und Ingenieursmethoden im Sozialen. Ebenso beleuchtet werden die spendenorientierten Strategien von Umweltverbänden, Grünen und anderen, die auf Herrschaftsanalyse und deshalb in gefährliche Argumentationen abrutschen. 64 S., quadratisch, 3 Euro, ISBN 978-3-86747-065-0 ++ bestellen!

Energiewende

Sich auf die Rolle als Konsument_in zu beschränken, hieße in der Energiepolitik, den eigenen Haushalt auf Ökostrom umzustellen. Das ist zwar wahrscheinlich eher nützlich als schädlich, aber vor allem belanglos. Bei richtiger Auswahl kann es Anbieter finanziell fördern (wie eine Art Spende), die damit neue, regenerative Energien aufbauen. Die meisten Ökostromanbieter tun nicht einmal das. Hätte sich das Engagement auch früher auf solche Konsumverhaltens-Strategien beschränkt, wäre es wohl nie zum Aus für die Atomkraft und zum Umbau der Energieversorgung auf Wind und Sonne gekommen. Hierfür viel wesentlicher war zum einen der Protest auf der Straße und Schiene, zum anderen war es der Aufbau und die Übernahme der Energieerzeugung. Brillantes Beispiel sind die Elektrizitätswerke Schönau (in ihrer regionalen Tätigkeit, weniger im - marktorientierten - bundesweiten Ökostromverkauf). In Schönau selbst ging nämlich das Stromverteilungsnetz in Bürger_innenhand über mit der Folge, dass die Menschen nun die Produktionsverhältnisse selbst steuerten. Nirgendwo verlief der Umbau so konsequent wie unter diesen veränderten Machtverhältnissen. Daraus kann leicht ersehen werden, wie wichtig die Frage ist, wie die Produktionsmittel organisiert sind.
Bei der Errichtung der meisten regenerativen Energieanlagen ist dieser Gedanke schnell verloren gegangen. Markt und Kapital dominieren dort das Geschehen mit der Folge, dass Windräder und Solargroßanlagen über die Köpfe der Menschen hinweg und von kapitalkräftigen oder -sammelnden Unternehmen gebaut werden. Die Sache ist zwar umweltverträglicher, aber ebenso herrschaftsförmig durchgezogen - mit Tendenz, Umwelt und Mensch immer weniger zu schonen, dafür immer mehr auf die Profitraten zu setzen. In der Selbstbeschränkung auf das Konsumverhalten ist jeglicher Einfluss auf die Energiewende längst verlorengegangen.

Im Original: Stromsparen ohne Effekt? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Oliver Geden, "Die Klimafront verläuft nicht im Alltag", in: SZ, 10.8.2008
Nur ein Beispiel: Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass Stromsparen im Haushalt zu einer Verminderung des CO2-Ausstoßes führen wird. Dem ist jedoch mitnichten so. Denn das EU-Ernissionshandelssystemist so konstruiert, dass das Gesamtvolumen der Emissionsberechtigungen, die von Kraftwerksbetreibern und energieintensiven Industriezweigen erworben werden müssen, schon auf Jahre hinaus festgelegt ist, mit stetig sinkender Tendenz. Eine verminderte Elektrizitätsnachfrage privater Haushalte ändert nichts an der Gesamtzahl der ohnehin knappen Zertifikate. Zwar kann durch privates Stromsparen zunächst der C02-Ausstoß eines nahegelegenen Kohle- oder Gaskraftwerks sinken, es ermöglicht den Kraftwerksbetreibern jedoch, die nun überschüssigen Zertifikate an der Strombörse zu verkaufen. Die Emissionen werden also lediglich verlagert, entweder auf andere Kraftwerke oder hin zu industriellen Großverbrauchern von Elektrizität. Je mehr die umweltbewussten Haushalte einsparen, desto mehr und demzufolge günstigere Zertifikate kommen auf den Markt. Davon profitieren vor allem energieintensive Industrien wie Stahl- und Aluminiumhütten, für die der Druck zur Anpassung ihrer Produktionsprozesse ein wenig abgemildert wird - was in volkswirtschaftlicher Hinsicht nicht das Schlechteste ist, für den klimabewussten Verbraucher aber sich nicht der Grund war, sich eine effizientere Waschmaschine zu kaufen. ...
Die Systemausschnitte für die möglichst positive Bewertung der eigenen Alltagspraxis werden so gewählt, dass der Vorreiter-Anspruch gewahrt und das Gewissen beruhigt bleibt. Vielen wird es genügen, nun nur noch "im Kleinen'' einen Unterschied zu machen. Hin und wieder das Auto stehen lassen. Flüge in Kombination mit den angebotenen Projekten zur CO2-Kompensation buchen: "Immer noch besser als nichts". Wer ein bisschen Geld in die Hand nimmt und sorgfältig plant, kann aber auch mit strategischen Kaufentscheidungen beträchtliche Distinktionsgewinne erzielen - mit einer Solaranlage auf dem Dach natürlich leichter als mit einer Modernisierung der im Keller versteckten Heizungsanlage. Und das neue Auto sollte nicht nur über einen Hybrid-Antrieb verfügen, sondern als solches auch deutlich zu erkennen sind. Der Anspruch ist schließlich, durch nachhaltigen Konsum den uneinsichtigen Mitbürgern ein gutes Beispiel zu sein. Misst man den Ansatz einer ökologisch ausgerichteten "Alltagspolitikfi aber an seinen eigenen Ansprüchen, so fällt die Bilanz der letzten 30 Jahre doch recht bescheiden aus. Nicht einmal Energiesparlampen und CO2-arme Autos haben sich bislang am Markt durchsetzen können. Auf die Energie- und Materialeffizienz von industriellen Produktionsprozessen haben Endverbraucher ohnehin keinen Einfluss.

 

Begrünung des Finanzsektors: "Grünes Geld"

Ein eindringlicher Appell ... Rede eines Mädchens auf der UNO-Umweltkonferenz - natürlich wirkungslos!

Links und Materialien

Macht und Umwelt
Das kleine Theoriebuch über den Zusammenhang von Herrschaft und Umweltzerstörung
Texte und Thesen zur Verknüpfung von Herrschaft und Umweltzerstörung. Es zeigt sich, dass machtförmige Verhältnisse gleichzeitig die Voraussetzung wie auch das Mittel der rücksichtslosen Aneignung von Rohstoffen, Land und allen anderen Lebensgrundlagen sind. Natur und Mensch mutieren zu Faktoren, die zum Zwecke von Herrschaftsausbau und -sicherung sowie ständigem Profit ausgebeutet werden.

Links zum Thema

Etliche Texte und Zitate sind mit, andere ohne Namen - das liegt zum einen daran, wie wir die Texte bekommen haben, zum anderen können die, deren Texte hier abgedruckt sind, auch selbst bestimmen ... Mail mit Begründung genügt und der Name wird, wenn das Argument überzeugt, gestrichen bzw. hinzugefügt.